Home

Grenzen in Familien

Psychosoziale Beratung in Widersprüchen

Annette Windgasse, PSZ Düsseldorf (Jahresbericht 2000)

‚Uns ist wohl, sagte ein brüderlich gleicher Tannenwald zur Zeder,
wir sind so viele und du stehst allein.'
‚Ich habe auch Brüder, sagte die Zeder, nur nicht auf diesem Berge.'

Johann Wolfgang von Goethe

In der psychosozialen Beratung im PSZ nehmen familienbezogene Fragen breiten Raum ein. Es geht z.B. um Partnerkonflikte, Probleme zwischen Eltern und heranwachsenden Kindern, um Situationen nach Trennungen oder Tod des Partners oder auch um Kinderwunsch oder Schwangerschaftskonflikte. Auch bei allein lebenden Flüchtlingen spielt die familiäre Thematik eine große Rolle: die meisten sind in einem Alter, in dem sie eigentlich eine Familie haben oder gründen müssten, die Unsicherheit des Aufenthaltes, materielle Probleme und die Schwierigkeit unter Exilbedingungen einen Partner / eine Partnerin zu finden werden als belastend erlebt. Die Verbindungen zur Herkunftsfamilie und zu Angehörigen im Heimatland und in anderen Asylländern sind wichtig, aber auch belastet und belastend. Sehnsucht, Sorgen um deren Ergehen, Schuldgefühle, explizite und auch unausgesprochene familiäre Aufträge, die Unmöglichkeit, mit ihnen zusammen zu sein, aber auch sich mit ihnen auseinandersetzen zu können, werden oft als Ambivalenz empfunden.

In den verschiedenen familientherapeutischen Ansätzen spielt die Frage der innerfamiliären Grenzen eine große Rolle. So gilt es z.B. in der westlichen Kultur als angemessen, wenn zwischen der Eltern- und der Kindergeneration eine klare, aber nicht starre Grenze gezogen wird. In anderen kulturellen Kontexten verlaufen die Grenzen z..T. anders, beispielsweise eher zwischen den Geschlechtern als zwischen den Generationen. Für Flüchtlingsfamilien (und auch für andere Migrantenfamilien) spielen aber auch die realen Ländergrenzen eine Rolle: mit dem Überschreiten von Grenzen während der Flucht entstehen grenzüberschreitende Familienzusammenhänge.

Wer gehört zur Familie ?

Systematisches Wissen über Flüchtlingsfamilien fehlt weitgehend sowohl im Bereich der Flüchtlingssozialarbeit wie auch in der Familiensoziologie und Ansätzen zur Familientherapie und -beratung. Texte zur Familientypologie und Verweise, welcher Familientypus angeblich bei südeuropäischen Familien vorherrschen soll (die "verstrickte" bez. "gebundene" Familie) bildeten den Anstoß, die Familien unserer KlientInnen unter den Kriterien verschiedener Modelle zu betrachten. Doch bereits die Frage, welches soziale Gebilde nun in welchem Kontext als Familie eines Klienten zu verstehen ist, ist keineswegs eindeutig zu beantworten. Die Thematisierung dieser Frage in der psychosozialen Beratung eröffnet häufig neue Perspektiven und Einsichten.

Eine Kosovo-Albanerin, Anfang 30, hat sich durch Schule und Studium von ihrer im Kosovo lebenden Herkunftsfamilie (die Brüder ihres Vaters) entfernt. Bei der Erarbeitung eines Genogramms1 rückt eine Tante ins Blickfeld, deren unkonventionelle Lebensweise Modellfunktion für die Klientin hatte. Die ablehnenden familiären Reaktionen auf das Verhalten der Tante aber wurden von ihr gleichzeitig als Warnung vor gesellschaftlicher Ächtung wahrgenommen.

Ein erweitertes Familienverständnis ist unabdingbar in der Arbeit mit Flüchtlingen. Dabei ist ‚erweitert' nicht nur quantitativ zu verstehen; es sind nicht einfach nur mehr Personen / Generationen / Verwandtschaftsgrade zu berücksichtigen als in der sog. westlichen Kleinfamilie, sondern auch Unterschiede in den jeweiligen Funktionen und Beziehungen.

Die o.g. Klientin aus dem Kosovo wuchs in einem Haushalt auf, der aus den Großeltern väterlicherseits, den vier jüngeren Brüdern des Vaters, ihrer eigenen Mutter und ihren fünf Geschwistern bestand. Später kamen Ehefrauen der Onkel und deren Kinder hinzu. Ihr eigener Vater lebte seit mehreren Jahren vor ihrer Geburt als Arbeitsmigrant in Deutschland. Entscheidungen wurden vom ältesten im Haushalt lebenden Onkel getroffen. Eigentlich sei dies die Funktion des Großvaters, aber bei ihnen sei es eben anders gewesen.

Weit verbreitet sind - oft klischeehafte Vorstellungen - über Großfamilien in den Herkunftsländern von Flüchtlingen, die teils romantisch verklärt als Hort der Geborgenheit phantasiert werden, teils abgewertet werden als Ort der Unterdrückung von Individualität und der Unterdrückung von Entwicklungschancen insbesondere von Frauen. Erkenntnisse der Ethnologie und der sozialwissenschaftlichen Forschung in den Herkunftsländern selbst finden nur sporadisch Eingang in die Praxis der Migrations- und Flüchtlingsarbeit. Forschungsergebnisse, die Familien von ArbeitsmigrantInnen betreffen, lassen sich nur eingeschränkt auf die Situation von Flüchtlingsfamilien übertragen. So bezieht sich der - trotz dieser Einschränkung hochinteressante - "Sechste Familienbericht: Familien ausländischer Herkunft in Deutschland2 " v.a. auf griechische, italienische, türkische, vietnamesische und Aussiedlerfamilien, während wir es in der Flüchtlingsarbeit mit ca. 30 - 40 Nationalitäten zu tun haben und dabei i.d.R. noch mit einer in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit, politische Praxis, Religion und andere Faktoren besonderen Gruppe.

In der praktischen Arbeit bleiben wir so angewiesen auf wissenschaftliche Arbeiten zu Einzelfragen, auf einen kontinuierlichen Austausch mit Fachkräften aus den verschiedenen Herkunftsländern und selbstverständlich auf den Dialog mit den KlientInnen und TeilnehmerInnen unserer Maßnahmen selbst.

Familienmuster

Darstellungen verschiedener Familienmuster vereinfachen und abstrahieren notwendigerweise von ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungsprozessen und regionalen, schichtbezogenen u.a. Unterschieden. Trotz dieser Einschränkungen helfen sie uns beim Verständnis des kulturellen Hintergrunds unserer KlientInnen, wenn wir sie nicht als "letzte Wahrheiten" sondern als Ausgangspunkt für Fragen einbeziehen.

Im Rahmen der Beschäftigung mit der Situation albanischer Familien aus dem Kosovo war die Beschreibung zweier unterschiedlicher Familientypen hilfreich:

Bis Mitte des 20.Jahrhundert lassen sich - stark vereinfacht - zwei unterschiedliche Familienmodelle im ländlichen Raum Europas beschreiben4:
Charakteristika sind ein relativ spätes Heiratsalter, demzufolge geringere Geburtenraten und eine längeres Stadium zwischen Pubertät und Eheschließung, in der die jungen Leute das Elternhaus verlassen, sich z.B. als Gesinde verdingen oder als Handwerksburschen ziehen, um Geld für eine spätere Heirat anzusparen. In Märchen finden sich diese Muster wieder, manchmal sind es dort auch die Prinzen, die ihr Glück suchen. Das väterliche Erbe geht auf den ältesten oder den jüngsten Sohn über oder wird zwischen den Nachkommen aufgeteilt. Die nicht Erbberechtigten verlassen den Hof, gründen nach Möglichkeit einen eigenen Hausstand, oder bleiben ledig und verrichten weiter Lohnarbeit. Die Kernfamilie (Eltern und unverheiratete Kinder) steht zentral, evtl. leben die Großeltern im "Ausgedinge". Zusätzliche Arbeitskräfte werden in Lohnarbeit beschäftigt.

Andererseits das - auch weltweit häufiger anzutreffende - in Osteuropa traditionell vorherrschende Heiratsmuster:
Charakteristika sind dabei ein relativ frühes Heiratsalter, dadurch eine höhere Geburtenrate und keine deutlich abgesetzte "Jugendzeit". In der Regel bleiben die jungen Männer im väterlichen Haus, die jungen Frauen ziehen zu ihren Ehemännern. Den Hausstand bildet so ein Geflecht von mehreren miteinander verwandten Kernfamilien. Ehelosigkeit ist die große Ausnahme. Heirat und Nachkommen bringen dem Hausstand neue Arbeitskräfte und sichern die Kontinuität ab. Die familiären Entscheidungs- und Autoritätsstrukturen umfassen mehrere Generationen. In der Regel liegt die Autorität beim gemeinsamen Vater. Hof und Besitz gilt als gemeinsames Eigentum aller.

Praxisbezug

Dieses Modell führt zu zahlreichen für die Beratungspraxis wichtigen Implikationen, hier gezeigt am Beispiel kosovarischer KlientInnen:

Es wird nachvollziehbar, wie wenig Raum eine entsprechend strukturierte Gesellschaft für abweichende Lebensformen bietet. Aus dem Familienverband auszuziehen, bedeutet bereits eine Abweichung, während sie im westeuropäischen Muster vorgesehen ist. Wer keine Familie mehr hat - z.B. weil die Angehörigen im Krieg ermordet wurden - , hat keinen vorgesehenen Platz in der Gesellschaft. Auf gesellschaftlicher Ebene bedeutet die Zerstörung familiärer Strukturen durch Krieg, Flucht und Vertreibung die Aufgabe einer weitgehenden Neuorganisierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und - da neue Formen und Verbindlichkeiten erst zu entwickeln sind - einen zeitweiligen Zustand der Desorganisation und Anomie.

Die einzelnen Personen verstehen sich in erster Linie als Familienangehörige. Verletzungen der Familienehre treffen den gesamten Verband, der aufgerufen ist, entsprechend zu reagieren. So galt z.B. die Praxis der Blutrache nicht als eine Option der individuellen Entscheidung sondern als Familienaufgabe. Der Mann, der Blutrache ausübte, entlastete damit seine Söhne und Neffen von dieser Aufgabe.

Der Entschluss zur Flucht und zur Rückkehr sind nicht bloß individuelle Entscheidungen, sondern werden abhängig gemacht von Erwartungen und Verbindlichkeiten gegenüber der Familie.

Die Gefahr der sozialen Ächtung infolge der Vergewaltigung der Frau durch serbische Sicherheitskräfte bildete bei einer Familie aus dem Kosovo ein massives Rückkehrhindernis. Anerkannt bei deutschen Behörden ist aber lediglich die Gefahr der individuellen Retraumatisierung der betroffenen Frau.

Mütter, deren Männer im Krieg umgebracht wurden, beschreiben uns ihre Angst, daß im Falle einer Rückkehr die Eltern des Mannes Anspruch auf die Kinder erheben. Sie gehören nach traditionellem Verständnis in die Familie des Vaters - die "Linie des Blutes", im Gegensatz zur "Linie der Milch", der mütterlichen Seite. Die Mütter haben kaum Möglichkeiten dies zu verhindern, wenn sie nicht von ihrer Herkunftsfamilie unterstützt werden. Dort haben sie zwar einen Platz als geschätzter Gast, aber nicht als Familienmitglied.

Parallelen

Gleichzeitig mit der Beschäftigung mit albanischen Familienstrukturen befassten wir uns auch in der Arbeit mit afrikanischen KlientInnen mit Familienfragen. Auffallend waren Parallelen in der Beschreibung albanischer und westafrikanischer Familien5:

In beiden Fällen bildete der Hof, bestehend aus Eltern, unverheirateten Kindern, verheirateten Söhnen und deren Ehefrauen und Kinder die zentrale Familieneinheit. Aber bei allen formalen Parallelen fiel auch auf, wie unterschiedlich diese Strukturen gelebt und variiert werden.

So wird für die afrikanischen Frauen ein weitaus größerer Freiraum beschrieben, in dem sie eigene wirtschaftliche Aktivitäten aufbauen, wobei der Familienverband und die Institution der sozialen Elternschaft eine Vereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbstätigkeit zulässt, um die z.B. auch westeuropäische Frauen noch kämpfen.

So stand in der Beratung einer Togoerin über längere Zeit ihre Frustration im Vordergrund, trotz guter Ausbildung, Sprachkenntnisse und Asylanerkennung durch fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten an der Aufnahme einer Berufstätigkeit gehindert zu sein.

Trennungen

Flüchtlingsfamilien dürfen allerdings nicht nur unter dem Aspekt der erweiterten Familie betrachtet werden, sondern auch unter dem der getrennt-lebenden.

Trennungen sind ein unausweichliches Merkmal von Familien. Dazu gehören die im jeweiligen kulturellen Kontext normalen lebensgeschichtlichen Trennungen (z.B. der Auszug der Tochter bei der Heirat), Trennungen aus ökonomischen Gründen bez. im Zuge von Modernisierungstendenzen (z.B. Übersiedlung eines Teils der Familie vom Dorf in die Stadt, des Vaters als Arbeitsmigrant nach Deutschland), Trennungen durch Krieg, Vertreibung, Verfolgung und schließlich die Trennung durch die Flucht ins Exilland.

"Meine Eltern sind in Pakistan, mein einer Bruder lebt mit seiner Frau in der Schweiz, eine Schwester wohnt in Süddeutschland, ein anderer Bruder lebte mit seiner Familie erst hier in Deutschland, aber jetzt seit drei Jahren in Amerika. Die Mutter meines Mannes ist in Kanada, sie lebt dort mit der Familie ihres Sohnes, der mit meiner Cousine verheiratet ist."

Solche weltumspannenden Familienverbände sind eher die Regel als die Ausnahme bei Flüchtlingsfamilien. Die Beziehungen sind so komplex und vielseitig, dass sich eine visuelle Darstellung in der Beratung - durch ein Genogramm, eine Familien-Landkarte oder andere symbolische Darstellungen - lohnt. Die gegenseitigen Erwartungen und Abhängigkeiten rücken so in den Blick.

Individuell gewünschte Entwicklungen der Familie hier in Deutschland wirken sich aus auf die weit entfernt wohnenden Familienmitglieder und werden durch diese beeinflusst.

Ein afrikanischer Klient beabsichtigte, sich scheiden zu lassen, um die Frau zu heiraten, mit der er zusammengelebt hatte, als seine Familie während seines Asylverfahrens noch im Heimatland war, und mit der er ein gemeinsames Kind hat. Kurz vor dem Termin nahm er die Scheidungsklage zurück. Seine Ehefrau hatte seine in den USA lebende Mutter über die beabsichtigte Trennung informiert und diese drohte ihm mit Suizid, falls er nicht bei seiner Familie bliebe.

Loyalitätskonflikte sind häufig, besonders wenn die Familie im Herkunftsland unter politischen Repressionen oder wirtschaftlicher Not leidet oder wenn Erwartungen an Unterstützung, an Leistung und Erfolg oder an konformes Verhalten nicht eingehalten werden können. Möglicherweise tragen die Asylbedingungen (Arbeitsverbot), die nur eine sehr eingeschränkte materielle Unterstützung der Familie daheim zulassen, dazu bei, wenn Flüchtlinge sich nicht oder nur schwer von heimischen Mustern lösen können, selbst wenn sie diese ablehnen. Loyalität, die nicht durch dringend notwendige Unterstützungsleistungen gezeigt werden kann, wird so evtl. durch ein besonders loyales Verhalten erwiesen.

Eine Afghanin, die wegen starker Kopfschmerzen und Nervosität zur Beratung kommt, beschreibt als familiären Konflikt, dass sie den heranwachsenden Kindern einen gewissen Freiraum und Vergnügen gönnen möchte, dass aber ihr Mann diese einschränkt mit dem Verweis auf die eigene Kultur und die Probleme, die ihre Leute Zuhause hätten.

Entwicklungen

Flüchtlingsfamilien sind zunächst Familien im Umbruch und in Veränderung. Die Flucht als die drastischste Veränderung ist ausgelöst durch gewaltsame äußere Ereignisse, in denen auf den ersten Blick wenig Handlungs- und Entscheidungsspielraum zu erkennen ist. Aber es gehören - mit Ausnahme von manchen Bürgerkriegs- und Vertreibungssituationen - auch bewusste Entscheidungen dazu: die Entscheidung z.B. für eine bestimmte politische Tätigkeit, die Entscheidung sich nicht an bestimmte Normen oder Vorschriften anzupassen und schließlich die Entscheidung, alles Äußere aufzugeben und in ein anderes Land zu fliehen.

Wir begegnen sowohl Flüchtlingen, die ihr Exil bloß als Tragik empfinden und außer einem gewissen Grad an äußerer Sicherheit dieser Situation nicht Gutes abgewinnen können, wie auch Flüchtlingen, die den Weg aus ihrem Land und seinen Restriktionen bewusst gewählt haben, um andere Lebensentwürfe zu verwirklichen, die ihnen dort nicht erlaubt waren.

Die Bereitschaft und die Fähigkeit, die Exilzeit als Entwicklungsmöglichkeit zu nutzen, sind stark von solchen Haltungen abhängig. Ebenso spielt die jeweilige Aufenthaltsdauer eine Rolle. Oft folgt einer anfänglichen Euphorie, im Aufnahmeland Sicherheit gefunden zu haben, eine Phase von Verunsicherung und Selbstzweifeln, wenn die bekannten mitgebrachten Verhaltensweisen nicht mehr "stimmen". Dieses Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit wird dann möglicherweise gewendet in eine Abwertung der Lebensformen in der Aufnahmegesellschaft, bevor ein Bewusstsein darüber entstehen kann, dass vieles Befremdende auf Missverständnissen beruht und eine Phase der Auseinandersetzung mit den alten und den neuen Werten und Normen beginnt. Alle Flüchtlinge sind jedoch betroffen von den realen materiellen und rechtlichen Einschränkungen der Asylsituation.

Die lange Zeit während des Asylverfahrens oder bis zu einer anderen Form der Bleiberechtsregelung erinnert in ihrer ideologischen Bedeutung ein wenig an die Untersuchungshaft. U-Haft geht von der Fiktion aus, einen vermeintlichen Straftäter solange "aufzubewahren", bis gerichtlich über seine Schuld und sein weiteres Schicksal entschieden ist. Sich entwickeln, mit seiner Tat auseinandersetzen, ändern soll er sich während dieser Zeit möglichst nicht. Ähnlich werden AsylbewerberInnen in ein Provisorium versetzt, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Integration ist nicht erwünscht, da sie vermeintlich die Rückkehrbereitschaft mindert. In jüngster Zeit wurde sogar ein Verbot politischer Betätigung gefordert.

Aber "... das Leben geht weiter" ist nicht nur ein billiger Trost, sondern auch eine Tatsache. Während der Zeit des Wartens auf eine Asyl- oder Bleiberechtsentscheidung werden Ehen geschlossen und geschieden, Kinder geboren, Erfahrungen gemacht und Träume entwickelt oder begraben.

Flüchtlinge, die mit ihrer Familie und weiteren Verwandten hier leben und keine expliziten Erwartungen an Entwicklungsmöglichkeiten im Exil mitgebracht haben, können diese Zeit vielleicht noch am besten überstehen, indem sie zunächst Nischen suchen und ihre Familienform eine Zeitland weitgehend so zu leben versuchen, wie es hier unter reduzierten Bedingungen möglich ist.

Diejenigen, die an das Leben im Aufnahmeland auch die Erwartung größerer politischer und persönlicher Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten geknüpft haben, stoßen schnell und nachhaltig an Grenzen. In den Beratungen entsteht so immer wieder die paradoxe Situation, dass eine Wiederentdeckung eigener Ressourcen zu nicht-realisierbaren Perspektiven führt, durch die ausländerrechtlichen Beschränkungen des Zugangs zu Erwerbstätigkeit und Ausbildungen und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Materielle Einschränkungen, ungenügende Wohnbedingungen und diskriminierende Behandlung bei den Behörden wiegen dann um so schwerer. Gefühle der Aussichtslosigkeit und der inneren Leere führen zu Selbstzweifeln und zu familiären Konflikten. Aushalten und Geduld-Haben sind die einzigen Tugenden, die Aufnahmegesellschaft Flüchtlingen abverlangt.

Die Familien im Umbruch und in Veränderung sind so zugleich Familien in einem Zustand der erzwungenen äußeren Stagnation. Eine auf Wachstum und Entwicklung angelegte Beratung muss dieses Paradoxon mit einbeziehen und mit den KlientInnen zusammen sehr behutsam und manchmal subversiv ausloten, welche Entwicklungsmöglichkeiten doch noch zu finden sind, ohne nur als billiger Ersatz und Beschwichtigung zu gelten und wann Wut und Verzweiflung Raum brauchen.

Heimat ist, wo ich wachsen kann6

In diesem Prozess fand eine iranische Klientin in der Auseinandersetzung mit ihrer Lebenssituation im Iran, in Deutschland und einer evtl. Weiterwanderung in die USA ein treffendes Bild:

"Ich habe eine Pflanze, ich liebe diese Pflanze sehr. Sie ist aber ganz kaputt gewesen, ganz trocken, ist gar nicht gewachsen. Ich habe sie in andere Erde gegeben, aber es hat nicht geholfen. Dann hab ich ihr Dünger gegeben, aber das hat auch nicht geholfen. Ich habe sie dann nur noch mit Wasser gegossen und habe schon überlegt, ob ich neue kaufe und diese wegschmeiße. Aber das wollte ich doch nicht. Dann habe ich sie vorige Woche an einen anderen Platz gestellt, sie hat jetzt anderes Licht. Und jetzt ist ihr ein neuer Trieb gewachsen, ungefähr so groß wie mein kleiner Finger. Die eine Seite ist noch ganz trocken, wie tot, aber auf der anderen Seite wächst etwas."

1 Graphische Darstellung der Familienbeziehungen, ähnlich einem Stammbaum.
2 Hg.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2000
3 Nach Kaser, Karl: Jede Menge Familie. Der patriarchale Haushalt im Modernisierungsprozess in: Eberhardt, E., Kaser, K.: Albanien. Stammesleben zwischen Tradition und Moderne; Wien, Köln, Weimar 1995. s. auch Kaser, K.: Hirten, Kämpfer, Stammeshelden. Ursprünge, und Gegenwart des balkanischen Patriarchats; Wien, Köln, Weimar 1992 - für den Zugang zu dieser Literatur und weiterführende Informationen danke ich der Historikerin Frau Astrid Ahmetaj, die für eine kosovarische Klientin dolmetschte.
4 Lt Kaser anzutreffen v.a. nord-westlich einer gedachten Linie Triest - St.Petersburg mit einer breiten Übergangszone
5 Hier beschrieben am Beispiel Burkina Faso nach der Studie "Mütter zwischen Herd und Markt" von Lilo Roost Vischer, Basel 1997 - im Bewusstsein der nur eingeschränkten Übertragbarkeit auf andere westafrikanische Länder bez. andere als die beschriebene Volksgruppe.
6 Titel eines Theaterstücks für und über Flüchtlingsfrauen
2002 PSZ Düsseldorf. Alle Rechte vorbehalten.
Gefördert durch EFF - Europäischer Flüchtlingsfonds