Sei realistisch - verlang das Unmögliche!
Annette Windgasse, PSZ Düsseldorf Referat zur Europäischen Konferenz zur Integration von Flüchtlingen - veranstaltet von ECRE und der EU-Kommission im September 1997 in Brüssel Vorbemerkung Beim Nachdenken über das Thema Integration von Flüchtlingsfrauen kam mir zunächst die Vermutung in den Sinn, die Veranstalter dieser Europäischen Konferenz hätten sich von dem listigen Che Guevara Wort "Sei realistisch - verlang das Unmögliche!" leiten lassen. Lassen Sie uns dies versuchen. Als Sozialwissenschaftlerin kann ich nicht zufrieden sein mit dem Forschungs- und Erkenntnisstand über die soziale Lage von Flüchtlingsfrauen. Nach dem Geschlecht differenziert nicht einmal die veröffentlichte Statistik des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge. Ich spreche also zu Ihnen als Praktikerin: als Mitarbeiterin eines Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge in Deutschland und als Teilnehmerin des bundesweiten Arbeitskreis Flüchtlingsfrauen beim Diakonischen Werk.. Die wichtige Frage der Anerkennung frauenspezifischer Fluchtgründe und des Umgangs mit Frauen im Anerkennungsverfahren werde ich nur streifen, obwohl die Anerkennung natürlich eine ausschlaggebende Rolle für die Möglichkeiten einer gesellschaftliche Integration spielt. Wer gehört zur Familie ? Ich werde die Integrationsvoraussetzungen von Flüchtlingsfrauen skizzieren, anschließend fragen, welche Integrationsansätze möglich erscheinen und kurz beschreiben, welche Konsequenzen wir in unserer Flüchtlingsarbeit gezogen haben. Flüchtlingsfrauen Über die Flüchtlingsfrauen zu sprechen, scheint mir fast unmöglich, wenn ich allein an die Frauen denke, die in den letzten Wochen zu mir zur Beratung kamen. Jeder Versuch der Systematisierung und Verallgemeinerung bringt vieles von dem zum Verschwinden, was jede einzelne ausmacht. So begleitet alles, was ich im Folgenden vortrage, die Frage, welche Bedeutung es haben mag z.B. für
und dabei habe ich noch kein Wort gesagt über Nasrin aus Iran, die jetzt mit ihren Kindern im Frauenhaus lebt und die 19jährige Parvin aus dem gleichen Land, die unbedingt von zuhause ausziehen will; oder die Kurdinnen Sevgi und Elif - schwersttraumatisiert beide - die eine kämpferische junge Intellektuelle, soeben als asylberechtigt anerkannt, die andere erschöpfte Mutter von fünf Kindern, aus einem von der türkischen Armee zerstörten Dorf, Analphabetin, abgelehnt als Asylbewerberin und zur Ausreise aufgefordert - und über viele andere Frauen mehr. Spezifika der Situation von Flüchtlingen Die Integrationsbedingungen von Flüchtlingsfrauen will ich am Beispiel einer - fiktiven - Klientin, nennen wir sie Almaz, in drei Dimensionen verdeutlichen: Kultur - Trauma - Asyl, wobei diese Begriffe als Schlüsselbegriffe dienen sollen, um sehr komplexe Situationen zu erschließen. Wir müssen uns dabei der Dynamik und der zahlreichen Interdependenzen zwischen diesen drei Bereichen bewußt sein und auch der hier notwendigen Verkürzung, denn ich will nicht bei der bloßen Beschreibung bleiben. Asyl Ich beginne mit dem Bereich, den alle Flüchtlingsfrauen teilen: Asyl - und meine damit die rechtlichen und sozialen Bedingungen im Aufnahmeland und gehe von der Situation in Deutschland aus: die Aufnahmebedingungen sind geradezu darauf angelegt, eine Integration zu verhindern. Nach der Anhörung zum Asylantrag, bei der sie wegen des männlichen Dolmetschers und der verunsichernden bürokratischen Situation aus Scham über die schlimmsten Erlebnisse schwieg, war Almaz' erste Station in Deutschland eine "Erstaufnahmeeinrichtung" - ein Lager mit mehreren hundert Plätzen, Zugang nur mit Ausweiskontrolle, Arbeitsverbot, Sammelverpflegung. Frauen, besonders diejenigen ohne männliche Begleitung, befürchten in den Unterkünften sexuelle Übergriffe und Belästigungen und sind ihnen oft auch ausgesetzt. "Flüchtlingsfrauen - mit denen haben wir eigentlich keine Probleme," - erklärt der Leiter einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende2- - "wir haben hier ja fast nur Männer und die paar Frauen bemerken wir kaum, die leben recht zurückgezogen auf ihren Zimmern." Diese Einschätzung ist wohl typisch für das Bild von Flüchtlingsfrauen: sie bleiben eher unbemerkt, sie machen wenig Probleme. Dabei haben sie ihre ganz besonderen Probleme, von denen nur einige hier beschrieben werden können. Almaz wurde nach einigen Wochen einer kommunalen Unterkunft in einer anderen Stadt zugewiesen, einer ehemaligen Kaserne, es hätte auch ein Container oder ein Heim sein können. Fast immer herrschen in diesen Unterkünften räumliche Enge, Zusammenleben von Menschen aus verschiedensten Ländern, schlechte hygienische Verhältnisse - Küche, WC, Duschen, Waschmaschinen müssen mit vielen anderen geteilt werden. Nicht selten berichten v.a. alleinstehende Frauen, daß sie sich nicht allein zur Toilette oder Dusche trauen oder daß sie nachts vor Angst wach liegen, weil männliche Heimbewohner an ihre Zimmertür klopfen. Almaz bezieht für die Dauer von drei Jahren reduzierte Sozialleistungen in Form von Einkaufsgutscheinen, mit denen sie nur in wenigen Geschäften einkaufen kann, die das, was sie für ihre Küche braucht, nicht führen. Der Familie auch in der Fremde ein Heim zu schaffen - wozu auch die Eßkultur beiträgt -, ist unter diesen Bedingungen fast unmöglich, die Bemühungen führen meist zu einer starken Überforderung der Frauen. Zusätzlich zu "mitgebrachten" Gesundheitsproblemen treten bedingt durch Überforderung und Streß häufig psychosomatische Erkrankungen auf. Die medizinische Versorgung aber ist eingeschränkt. Es besteht Residenzpflicht, d.h. Almaz muß an diesem Ort, in dieser Kaserne leben und darf den Bezirk ohne besondere Erlaubnis nicht verlassen, auch nicht um ihre Schwester, die nur 50km entfernt wohnt, zu sehen. Eine Arbeitserlaubnis wird nur erteilt, wenn keine bevorrechtigten Arbeitskräfte für eine Stelle zur Verfügung stehen. Das faktische Arbeitsverbot konnte Almaz durch Annahme einer Putzstelle eher umgehen als ihr Mann, der diese Stelle nicht bekommt, der sich aber auch schwerer auf eine solche, als erniedrigend eingestufte Tätigkeit einlassen kann. Gleichzeitig muß Almaz dafür sorgen, daß ihr Mann, trotz des sozialen Abstiegs, nicht sein Gesicht und sein Selbstwertgefühl vollkommen verliert. Integrationsfördernde Angebote, wie z.B. Sprachkurse sind offiziell nicht vorgesehen, Almaz besuchte, wenn sie Zeit hatte und ihr Mann bereit war, auf die Kinder aufzupassen, einen Deutschkurs, den die Kirchengemeinde einmal wöchentlich anbietet. Sich in der fremden Stadt zu bewegen, ist Almaz anfänglich sehr schwer gefallen, sie wollte allein nicht ausgehen. "Eine Frau tut das bei uns nicht.." sagte sie zur Begründung im Rückgriff auf kulturelle Regeln, um nicht darüber sprechen zu müssen, wie unsicher sie sich fühlte beim Versuch "gefährliche" von "ungefährlichen" Orte, Menschen und Situationen unterscheiden zu lernen und herauszufinden, welche Gebiete ihr als Frau offenstehen, und wo sie sich aufhalten kann, ohne Geld ausgeben zu müssen. Sich in einer fremden Gesellschaft zu orientieren, sich mit deutschen Behörden auseinanderzusetzen - auf diese Anforderungen sind Frauen oft noch weniger vorbereitet als Männer. Almaz und ihre Familie bekommen nach mehreren Jahren in der 2. Instanz aus formalen Gründen nur das "kleine Asyl" zugesprochen. Ein Sprachkurs steht ihr deswegen nicht zu. Ihre ältere Tochter, die sie zuhause lassen mußten, kann sie nicht nachkommen lassen, weil das Ausländeramt die Zustimmung verweigert. So ist Almaz voller Schuldgefühle und Angst um das Ergehen ihrer Tochter. Die Phase bis zur endgültigen Entscheidung über Asyl und Aufenthalt, die geradezu auf Nicht-Integration abzielt, kann mehrere Jahre dauern. Ihre Auswirkungen dauern aber auch nach dem Ende des Asylverfahrens an. Das Bewußtsein, nicht erwünscht zu sein, sitzt tief und prägt die weiteren Schritte von Almaz. Auch das Bild, das die Aufnahmegesellschaft von Flüchtlingen hat, wird durch die ausgrenzende Behandlung geprägt und setzt sich in Widerspruch zu Simmels Beschreibung, daß der Fremde "jemand (ist), der heute kommt und morgen bleibt." Trauma Der Begriff Trauma soll hier weit verstanden werden - es gehören dazu Erfahrungen schwerster Traumatisierung (Folter, Vergewaltigung, Kriegserlebnisse), aber auch andere fluchtauslösende Situationen, die Flucht selbst, die Trennung vom alten Leben, die Entwurzelung und die schwierigen Bedingungen des neuen Lebens können traumatisch wirken. Zusätzlich zur zwangsläufigen Entwurzelung erleben Flüchtlinge ihr Ausgeliefertsein an ein kaum durchschaubares System, das sie "zuweist", "einweist", "umverteilt", reglementiert und ausgrenzt. Fremdheit und mangelnde Transparenz der Lebensbedingungen führen zu Verunsicherungen, die gerade bei traumatisierten Flüchtlingen, die - unter extremen Bedingungen gemachten - Erfahrungen von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein aktualisieren und so erneut traumatogen wirken können. Und lange Zeit muß jeder Wunsch nach einer Veränderung der Lebenssituation beantragt, begründet und oft in schwierigen und langwierigen Prozeduren durchgesetzt werden. Zwei frauenspezifische Aspekte der Traumatisierung will ich hervorheben: Almaz konnte, wie viele Frauen aus Scham bei der Anhörung nicht alles erzählen - daß sie im Gefängnis vergewaltigt worden ist, hat sie nicht einmal ihrem Ehemann anvertraut. Kulturelle Normen und das Bedürfnis, anderen Menschen erlebte Demütigungen nicht zu zeigen, gerade wenn sie den intimen Bereich des Körpers und der Sexualität verletzten, geraten hier in Widerspruch zu den Erfordernissen des Asylverfahrens. Das Bewußtsein, daß mit diesen Fragen sensibel umgegangen werden muß, beginnt in den zuständigen Behörden erst allmählich zu wachsen. "Vom Bauchnabel abwärts bin ich eine eiskalte Leiche. Mein Körper hat sich verändert, früher (vor der Folter) war ich schlank, heute bin ich 35 und kann keine Kinder mehr bekommen. Sie haben mich kaputt gemacht, ich kann noch nicht einmal für meine Familie sorgen. Ich bin keine Frau, ein Nichts." sagte uns eine Klientin. Der zweite spezifische Aspekt der Traumatisierung von Frauen ist die Unterscheidung zwischen politischer/staatlicher Verfolgung und vermeintlich privater /unpolitischer. Die Aktivitäten von Frauen - z.B. die Versorgung von Kämpfern mit Essen, Verstoß gegen Kleiderordnung u.ä. - werden von den Entscheidungsinstanzen im Asylland oft nicht als politische gewertet, manchmal auch nicht von den eigenen Leuten oder von den Frauen selbst. Die Verfolgung wird dann als sinnloses, ungerechtes Leid erlebt und bewertet. Wird die Frau stellvertretend z.B. für ihren untergetauchten Ehemann verfolgt oder muß sie ihm wegen seinen Aktivitäten ins Exil folgen, fühlt sie sich oft zerrissen zwischen dem Wunsch, wieder zuhause zu sein, den stummen oder ausgesprochenen Vorwürfen ihm gegenüber und ihrer Loyalität und Zuneigung zu ihrem Mann. bst schlimmste Mißhandlungen durch staatliche Stellen werden oft noch als "unpolitische" aufgefaßt: in einer ablehnenden Asylentscheidung wurde die Vergewaltigung einer Frau im Gefängnis als nicht asylrelevant abgetan mit der Begründung, der Offizier habe sie nicht in Ausübung seiner Amtsgewalt sondern zum persönlichen Vergnügen vergewaltigt. Sexualisierte Gewalt und auch Gewalt in der Familie oder kulturell/religiös begründete, wie z.B. Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung, Bestrafung wegen Verstößen gegen frauenspezifische Normen wird durch die Verbannung in den "unpolitisch/privaten" Bereich nicht nur aus dem Flüchtlingsschutz herausgelöst, sie wird so auch der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und der psychischen Verarbeitung entzogen. Kultur In Europa haben wir es mit Flüchtlingen aus mehr als fünfzig Herkunftsländern zu tun, das heißt mit einer Vielzahl verschiedener Herkunftskulturen. Für das Bewußtsein, eine Frau zu sein, macht es wohl einen erheblichen Unterschied, ob z.B. die erste Menstruation Anlaß war für ein Fest oder für eine Ohrfeige, ob ihr die Beschneidung folgte oder eine zeitweise Absonderung, vielleicht in einer Gruppe gleichaltriger Mädchen, ob es ein Geheimnis zwischen Mutter und Tochter war oder ob das Mädchen mit niemandem darüber sprechen konnte und Angst haben mußte, krank zu sein, ob der traditionelle Umgang damit in ihrer Familie noch praktiziert wurde, vielleicht nur noch in reduzierter, symbolischer Form, und welche Vorstellungen die Frau darüber hat, wie diese Erfahrung im Exilland bewertet würde. Dabei handelt es sich bei dem Ereignis der ersten Menstruation nur um einen Moment der Pubertät, die nur eine kurze Phase im Leben der Frau darstellt.
Flucht als letzter Schritt aus einer bereits desintegrierten Situation, zerreißt die früheren sozialen Netze endgültig. Viele ihrer differenzierten Rollen als Tochter, Ehefrau, Mutter, als Lehrerin, Nachbarin, Gemeindemitglied, Parteisekretärin, Kollegin und Freundin hat Almaz wie alle Flüchtlinge hinter sich lassen müssen. Aber oft konnten sie etwas bewahren: "Ich muß Ihnen sagen, daß es die Männer schwerer hatten. Ein Mann hat sein Lebenswerk oder seinen Lebensplan, seine soziale Stellung, die er sich erarbeitet hatte, alles, woraus er seine Lebensberechtigung und sein Lebensinteresse bezog, verloren. Er stand vor einer persönlichen - ich spreche gar nicht vom Besitz! - vor einer seelischen Leere, während die Frauen, die mit einer Verantwortung für Umgebung ins Exil gekommen waren, vor einer Aufgabe standen."3 berichtet eine Frau, die vor der Naziherrschaft in den 30er Jahren ins Exil ging. Der Aussage der exilierten Schriftstellerin Irmgard Keun4,5: " Ich muß mich schwächer zeigen, als ich bin, damit er sich stark fühlen und mich lieben kann." stimmten Flüchtlingsfrauen, denen ich diesen Satz vorlas zu; aber nicht nur Flüchtlingsfrauen sondern auch viele deutsche Frauen kennen diese Haltung. In vielen Flüchtlingsfamilien und -gemeinschaften sind es vor allem die Frauen, die im Asylland den Prozeß der Neuorientierung tragen und soziale Netze aufbauen, auch wenn ihr Anteil oft unbeachtet bleibt oder zu heftigen Konflikten führt. Da sie in den meisten Gesellschaften für die innerfamiliäre emotionale Balance zuständig sind und ihre Rolle als Versorgerin der Familie größtenteils behalten haben, nehmen sie eher das unmittelbar vor ihnen Liegende in Angriff, lernen oft mit weniger Angst sich zu blamieren die Sprache schneller, begleiten ihre Kinder beim Einleben in eine Welt, die ihnen selbst fremd ist. Frauen, die mit Kindern Asyl suchen, merken, daß ihre eigenen Möglichkeiten, sich sozial und beruflich zu integrieren begrenzt sind. In einigen Flüchtlingsgruppen beobachte ich aber an der Entwicklung der hier heranwachsenden Töchter, welches Potential an Energie die Exilsituation in den Frauen freisetzt: oft sind die Mädchen schulisch, beruflich und sozial erfolgreicher als ihre Brüder und ich vermute, daß dies an starken weiblichen Vorbildern liegt und vielleicht auch daran, daß Mädchen sich - orientiert am Verhalten ihrer Mütter - diplomatischer und erfolgreicher mit familiären und außerfamiliären Konflikten auseinandersetzen. Mir scheint, daß oft die Töchter die nicht realisierten Ziele ihrer Mütter verwirklichen. Integration Asyl, Trauma, Kultur - wir merken, daß wir mehr Fragen haben als Antworten. Wir, als einheimische FlüchtlingsberaterInnen, können uns fortbilden, vieles lesen, Forschung anregen. Wir können auch die Frauen selbst fragen, aber oft wissen wir nicht einmal, ob wir fragen dürfen oder ob wir damit vielleicht ein kulturelles Tabu verletzen, ob aus Sorge um den Aufenthaltsstatus etwas verschwiegen werden soll oder ob unsere Frage die Erinnerung an eine traumatische Erfahrung berührt. Aber, müssen wir alles wissen? Bedeutet Wissen über andere nicht auch immer ein Stück Herrschaft und Kontrolle? Mit allen Erkenntnissen zu den oben gestellten Fragen werden wir als Ansprechpartnerin den Flüchtlingsfrauen nicht gerecht, wenn wir uns nicht selbst in Beziehung setzen zu den gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen, denen der Klientinnen wie denen unserer eigenen Gesellschaft. Wie können wir beitragen zur Integration von Flüchtlingsfrauen? Der derzeitige "Integrationsstand" von Flüchtlingen läßt sich vereinfacht so darstellen: Die Aufnahmegesellschaft begreift sich als integrierte Einheit, die meisten Flüchtlinge bleiben ausgegrenzt, nur wenigen wird die Möglichkeit zur Integration, verstanden als Eingliederung, gegeben. Dabei werden Flüchtlinge durchaus als integrierendes Element für die Aufnahmegesellschaft benutzt, indem sie eine Identität als "Einheimischer" in Abgrenzung von "den Fremden" erlauben. Das landläufige Integrationsverständnis lautet: "Die Integration einer Gruppe ist vollzogen, wenn ... ihr Status im Schichtsystem wie auch ... ihre Rolle im System der Arbeitsteilung festgelegt ist und sowohl von ihr als auch von den anderen Gruppen des Systems akzeptiert wird."6 Gemessen an dieser Definition steht es wohl schlecht um die Integrationschancen von Flüchtlingen als Gruppe: sie werden langfristig aus dem System der Arbeitsteilung ausgegrenzt und im Schichtsystem ganz unten eingeordnet. Sie könnten diese Situation wohl nur mit viel Selbstverleugnung akzeptieren. Demgegenüber akzeptieren weite Gruppen der aufnehmenden Gesellschaften die bloße Anwesenheit von Flüchtlingen nur widerwillig, einer für Flüchtlinge befriedigenden Integration werden heftige Widerstände entgegengesetzt. Und wenn Integrationschancen "gewährt" werden, bestimmt die Aufnahmegesellschaft, welche kulturellen Anteile als "integrationshemmend", welche als "integrationsfördernd" gelten. Auch erfolgreiche soziale Integration schützt nicht vor aufenthaltsbeendenden Maßnahmen, wie wir es momentan mit unserer bosnischen Kollegin erleben. Aber: Sei realistisch - verlang das Unmögliche! Integration müssen wir nicht statisch verstehen als Ziel, wir können sie auffassen als Prozeß, in dem wir uns alle befinden - Einheimische und Flüchtlinge. Integration kann man auch verstehen als die Menge und Qualität der Beziehungen, die zwischen den Elementen der einen Gruppe zu denen der anderen Gruppe aufgebaut werden. Sie ließe sich messen an Anzahl und Differenziertheit der Beziehungen; ihre Voraussetzung ist, daß es beide Gruppen wagen können, sich auf diesen Prozeß einzulassen. Dazu gehört, daß das Bedürfnis der Flüchtlinge nach Aufenthaltssicherheit und angemessenen materiellen Lebensbedingungen in diesem Prozeß berücksichtigt wird. Und wir werden uns - auch wenn uns dies als FlüchtlingsberaterInnen oft schwerer fällt - auch mit den Vorbehalten, Ängsten und Feindseligkeiten in der aufnehmenden Bevölkerung auseinanderzusetzen haben und sie als Zeichen von Desintegration der eigenen Gesellschaft verstehen. Nicht jede Begegnung ist indes integrationsfördernd, welche Bedingungen, Ziele und Inhalte integrativ wirken, bleibt der weiteren Diskussion vorbehalten. Integrationschancen in der Arbeit mit Flüchtlingsfrauen Eine äthiopische Kollegin, die im Sudan Flüchtlingsarbeit machte, bemerkte einmal in einem Vortrag, dort drohe eine Sudanifizierung der Flüchtlingsarbeit. Übertragen auf die deutsche Situation klänge das absurd - "Verdeutschung der Flüchtlingsarbeit", denn die Flüchtlingsarbeit dort ist immer noch eine weitgehend deutsche Veranstaltung. Wenn wir die kulturellen und die fluchtauslösenden Erfahrungen von Flüchtlingen angemessen einbeziehen wollen, sind wir aber auf die professionelle Beteiligung von kompetenten Flüchtlingen angewiesen. Und wenn Integration als Aufbau von differenzierten Beziehungen gelingen soll, müssen wir die Flüchtlingssozialarbeit erweitern und uns in einen gleichberechtigten Dialog mit Flüchtlingen begeben. In der Arbeit mit Flüchtlingsfrauen gibt es Ansätze dazu: ich kenne sehr viele Flüchtlingsfrauengruppen, die von deutschen Frauen initiiert und begleitet werden und auch einige autonome Selbsthilfegruppen; ich weiß, im Gegensatz dazu nur von ganz wenigen Flüchtlingsmännergruppen, die von deutschen Männern begleitet werden. Frauen stellen wohl eher ihre Rolle und Integration in ihrer eigenen Gesellschaft in Frage und sie haben durch die Frauenbewegung(en) gelernt, sich damit auseinanderzusetzen. Ob Begegnungen zwischen einheimischen Frauen und Flüchtlingsfrauen nun eher therapeutisch oder sozialpädagogisch ausgerichtet sind, oder ob sie explizit auf gegenseitiges Lernen und gemeinsame Arbeit an bestimmten Fragen abzielen - die Frage nach der eigenen weiblichen Rolle steht im Raum und kann im Austausch zu neuen Erfahrungen führen. |
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