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Aus der Leere ist kein Leben zu schöpfen

Von der Erziehungsberatung zur Therapie

Joachim Sobotta, PSZ Düsseldorf 1999

Therapiebegleitende muttersprachliche bosnische Frauengruppe

Liebe kann man nicht aus Nichts schaffen.
Aus Nichts schafft nur Gott."
F.Dostojewski: "Die Gebrüder Karamasov"

Von der Erziehungsberatung zur Therapie

Wie in Erziehungs- und Lebensberatungseinrichtungen für Deutsche, geschieht es auch im PSZ Düsseldorf, daß Eltern ihre Kinder anmelden, mit der Bitte, diesen bei Verhaltensproblemen, Lernstörungen oder psychischen Auffälligkeiten zu helfen. Gewissermaßen wird das Kind abgegeben und die weitere Verantwortung für dessen Problematik dem Berater/Therapeuten zugeschoben. Meist wird bereits bei der telefonischen Anmeldung dargestellt, daß in Familie und Schule schon vergeblich versucht worden ist, dem Kind zu helfen, nun bliebe nur noch der Weg zur Beratungsstelle. Zumeist werden Kinder durch ihre Mutter angemeldet und ich bitte dann zunächst diese, mir die Anmeldegründe noch einmal in Gegenwart des Kindes zu beschreiben. Kinder haben nicht nur ein Recht zu wissen, was über sie gesprochen wird, sondern sie müssen auch die Möglichkeit einer eingreifenden Korrektur oder Gegenrede erhalten. Dies geschieht z.B., indem ich das Kind frage, ob es sich selbst auch so erlebt, wie es die Mutter dargestellt hat. Häufig ist es auch für die Mütter bez. Eltern, sehr interessant zu beobachten und zu hören, wie differenziert Kinder sich mit ihren Problemen auseinandersetzen und Zusammenhänge aufzeigen können, die zu ihrem Verhalten geführt haben. Nach dieser Abklärung bitte ich dann das Kind draußen in der Spielecke auf seine Mutter zu warten, weil ich mit ihr, aber nicht über das Kind bzw. dessen Probleme, sprechen möchte.

Fallbeispiel:

Frau M. ist eine 37jährige Bosnierin, die kurz nach Ausbruch des Krieges mit ihrem damals zweijährigen Sohn Amir1, und der gut einjährigen Tochter Samira aus Sarajevo flüchten konnte. Ihrem Ehemann gelang erst ein Jahr später die Flucht zu seiner Familie nach Deutschland. Er leidet infolge seiner Kriegserlebnisse, neben anderen körperlichen Krankheiten, unter einer halbseitigen Gesichtslähmung.
Eine städtische Sozialarbeiterin hat Frau M. an uns verwiesen. Zum Zeitpunkt der Anmeldung ist Amir sieben Jahre alt und seine Klassenlehrerin stellt, ein gutes halbes Jahr nach der Einschulung, in einem Elternbrief an Frau S. folgende Probleme bei dem Jungen fest:

Er kann sich kaum konzentrieren (keine 10 Min.)
große körperliche Unruhe
behält keine Arbeitsanweisungen
seine Leistungen bleiben weit hinter seinem Können zurück
er ist oft aggressiv gegenüber seinen Mitschülern und Lehrern (auch verbal) - hat sich allerdings gebessert
er stört durch sein Verhalten jede Partner- oder Gruppenarbeit.

Hier in Deutschland leiden die im weiteren vorgestellten Frauen unter den psychischen Folgen der traumatischen Erfahrungen und entwickeln "Posttraumatische Belastungsstörungen". Sie leiden unter Alpträumen, Schlafproblemen, psychosomatischen Schmerzen (Kopf, Rücken, Füße), den wiederkehrenden lebendigen Erinnerungen der Gewaltszenen, Reizbarkeit, Nervosität. Bei einigen der Frauen haben die Symptome unter der unsicheren und belastenden Exilsituation eine extrem starke Ausprägung erreicht: Sie erfahren häufig "Flashbacks", in welchen sie ihre traumatischen Erfahrungen wiedererleben; leiden unter phobischen Ängsten beispielsweise angesichts deutscher Polizisten und haben suizidale Gedanken entwickelt.

sich selbst verwandelt er in ein Krokodil
seine Schwester in eine Kuh
die Mutter in eine Katze
und den Vater in einen Bison.

Diese Tiere plaziert er nun im Sandkasten, legt dem Krokodil ein blaues Stück Moosgummi als Wasserloch dazu, und dekoriert die Szene konzentriert künstlerisch mit Bäumen, Sträuchern und Steinen. Dann spricht zuerst das Krokodil: es hat Hunger und will Fische essen. Die Nachfrage, ob es genug Fische gäbe und das Krokodil sich satt essen kann, bejaht er deutlich. Dann fragt die Kuh, wo es Gras gäbe, aber es gibt kein Gras. Der Bison fragt, wo denn die Totenköpfe lägen. Diese Frage kommentiert Amir, daß es ein "verbotenes Wort" sei, das seinen Vater sehr sehr wütend machen würde, wenn er es ausspräche. Die Katze schließlich sagt: "Ich suche eine Freundin".

In eindrucksvoller Weise beschreibt hier der kleine Amir die Situation seiner Familie, deren Mitglieder allesamt "hungrig", d.h. in vielerlei existentieller Sichtweise bedürftig sind. Aber auch der Tabuisierung von Tod, Sterben und mithin Krieg wird ein realistisch hoher Stellenwert eingeräumt.

Im Elterngespräch mit seiner Mutter fallen zunächst deren starke Nervosität und sichtbare Zeichen eines vegetativen Erschöpfungssyndroms auf. Sie beschreibt, daß sie nur selten ruhig auf ihre Kinder reagieren könne und sie, vor allem Amir, manchmal auch schlagen würde.

Mit Frau M. klären wir zunächst hinsichtlich ihres Sohnes ab:
was bzw. welche Eigenschaften soll Ihr Kind nicht verändern?
was wünschen Sie sich von ihrem Kind?
was glauben Sie, wünscht sich ihr Kind mehr bzw. weniger von Ihnen?
was brauchen Sie, um den Bedürfnissen ihres Kindes eher zu entsprechen ?,

Im weiteren Elterngespräch stellen wir mit Frau M. fest, wie ihr aktueller psychischer Gesundheitszustand durch drei gegeneinander abgegrenzte kumulativ-traumatisierende Sequenzen geprägt wird:

Kriegserlebnisse in Bosnien-Herzegowina
Ihre Eltern, eine Schwester und später weitere Verwandte sind umgekommen, hieraus resultieren starke Überlebensschuld- und Schamgefühle
Exilerlebnisse in Deutschland
Entwurzelung, emotional-affektive Überlastung durch ständige Angst um ihren Ehemann, nach seiner Ankunft auch weiterhin um nahe Angehörige bzw. durch Nachrichten von der Ermordung weiterer Verwandter. Aber auch die regressionsfördernde Abhängigkeit von Sozialhilfe, Ausländeramt etc. bewirken bei Frau M., die eine gute Berufsausbildung und immer gearbeitet hat, eine einschneidende Selbstwertproblematik.
Überlastung durch die familiäre Situation
Unzureichende, sehr beengte Wohnverhältnisse, die den Familienmitgliedern keine Ausweichmöglickeiten bieten. Die Sorge um die Erkrankung ihres Ehemannes und die ständigen Krankheiten der beiden Kinder. Hinzu kommen Schulprobleme bei Amir und allgemeine Erziehungsschwierigkeiten.

Nach dieser ausführlichen Exploration stellt sich die Frage, wie sich eine (einseitige) Unterstützung und Stabilisierung des Kindes, in seinem Recht auf Bedürfnisse, Fragen, Antworten etc. wohl auf seine Mutter / Eltern auswirken würden. Unschwer ist festzustellen, daß Eltern, die emotional ausgebrannt, leer und selbst sehr bedürftig sind, nicht in der Lage sind, die alters- und entwicklungsgemäßen Bedürfnisse des Kindes nach Zuneigung, Schutz, Wärme und Liebe zu befriedigen. Im Gegenteil berührt das Kind die Leere der ungestillten gleichen Bedürfnisse eines oder beider Elternteile, wodurch diese ihnen schmerzhaft bewußter werden und nicht selten aggressive Reaktionen gegenüber dem Kind befördern. Kommt es aber erst solcherart zur Abwehr gegenüber dem Kind, ist dieses dann im Gegenzug weiterhin und besonders darum bemüht, in seinen Bedürfnissen gesehen und geachtet zu werden. Sehr leicht kann hierdurch eine bedenkliche Gewaltspirale entstehen, die zur emotionalen und / oder körperlichen Kindesmißhandlung führen kann. Eine Kontaktmusterunterbrechung wird hier dadurch erreicht, daß wir statt mit dem Kind, mit seiner Mutter arbeiten. Was braucht sie, um sich mehr spüren, ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und befriedigen zu können und sich auch gegenüber Ansprüchen anderer an sie angemessen abzugrenzen? .

Je nach Einschätzung bietet es sich in solchen Fällen an, zumindest parallel und über die übliche Elternarbeit hinaus auch mit der Mutter / Eltern zu arbeiten. Mit Amir fanden zehn Sitzungen zur Bearbeitung seiner Aggressivität und Konzentrationsprobleme in der Schule statt, um angemessene Verhaltensweisen gegenüber Zurechtweisungen und subjektiv erlebter Entwertung zu entwickeln. Seine Mutter hat aus dieser Erfahrung heraus eine langfristige Psychotherapie zur Verarbeitung ihrer Kriegs- und Exilerlebnisse begonnen und nimmt inzwischen an einer therapiebegleitenden Gruppe für bosnische Frauen teil .

...Und einmal,... da träumte sie ....

Therapiebegleitende muttersprachliche bosnische Frauengruppe

Ergänzend zu regelmäßigen vierzehntägigen Einzeltherapiesitzungen wurde Frau M. angeboten, an einer therapiebegleitenden muttersprachlichen Frauengruppe, die sich vierzehntägig trifft, teilzunehmen. Sieben der z.Zt. zehn Teilnehmerinnen sind extremtraumatisierte bosnische Lagerüberlebende.

Das Gruppenangebot zielt ab auf die Ventilierung von Zukunftsängsten, den Abbau emotionaler Blockaden Ressourcen. Es wird - neben den Gesprächen - mit verschiedenen kreativen Methoden gearbeitet
Im Rahmen der Frauengruppe wird bei Frau M. deutlich, wie Persönlichkeitsstruktur und Traumatisierung im Alltagshandeln verschränkt sind, was kurz an drei Beispielen aufgezeigt und anschließend mit einigen Sätzen diskutiert werden soll.hinsichtlich einer Rückkehr nach Bosnien-Herzegowina und auf die Stabilisierung vorhandener persönlicher

"Ich muß einen sicheren Platz haben."

Frau M. hat sich zu Beginn der Gruppe einen bestimmten Platz ausgesucht und eingenommen, auf dem sie vor allem auch dann besteht, als nach einer Pause neue Teilnehmerinnen in die Gruppe aufgenommen werden. Welche Bedeutung sie dem "eigenen Platz" zumißt, zeigt als kleines Beispiel, daß sie ihre Tochter einmal von einem Platz vertrieb, mit der Begründung, daß es sich um den Platz einer anderen Teilnehmerin handele. Während einer anderen Sitzung hingegen nahm Frau M. den Platz einer Kursleiterin ein, als diese für kurze Zeit den Raum verließ. Als diese zurückkehrte, wurde sie von Frau M. ignoriert, die nun auf diesem ihren neuen Platz beharrte.

"Ich muß alles richtig machen"

In Übungen mit künstlerisch - kreativen Methoden erklärt sie umständlich, in sich vergewissernder Art und Weise, detailliert während der Ausführung der Aufgabe ihre Farbauswahl, Formgebung, ihr persönliches methodisches Vorgehens etc. Gleichzeitig benutzt sie eifrig Radiergummi u.ä. Hilfsmittel, um sich immer wieder zu korrigieren und die Gestaltung zu präzisieren. Dieses Verhaltensbeispiel korrespondiert mit den beiden folgenden Beispielen:

"Ich muß die Beste sein"

Bei allen Aufgaben geht Frau M. über das Ziel hinaus und ist bemüht, mehr zu tun als notwendig. Hierin zeigt sich ihr zwanghafter Perfektionismus, den sie auch auf ihren Sohn überträgt.

Frau M. war in ihrer Heimatstadt Sarajevo grausamen und traumatisierenden Kriegserlebnissen ausgesetzt. Aus diesen Erfahrungen weiß sie, wie wichtig es ist, einen sicheren Platz zu haben, in jeder Situation alles richtig zu machen und noch dazu die Beste zu sein, um zu überleben.

Auch das Leben im Exil erlebt sie als einen ständigen Kampf um Sicherheit, auf den sie affektiv mit den gleichen Copingstrategien reagiert wie gegenüber den ehemals traumatisierenden Kriegsszenarien.

Gleichzeitig wird hier aber auch die Verschränkung der extremtraumatisierenden Kriegserlebnisse mit - durch die Sozialisation in der Herkunftsfamilie traumatisierten - Persönlichkeitsanteilen deutlich. Als jüngste - und wie sie betont - kleinste und dünnste von vier Geschwistern erhielt sie in der Familienrangfolge einen besonderen Platz und einen Großteil an Beachtung und Zuwendung durch die gesamte Familie. In der Frauengruppe wird sichtbar, wie sie sich auch heute noch durch diese Rolle definiert.

Während sie stark darauf bedacht ist, keine "Fehler" zu machen, zeigt sie eine Aufspaltung zwischen kognitiven Fähigkeiten und emotionaler Wahrnehmung. So kann Frau M. ihre Gefühle nur in einem sehr eingeschränkten, kontrollierten Rahmen zulassen und nur schwer ihre Bedürftigkeit zeigen. Denken lebt sie als Schutz gegenüber ihren Gefühlen. Sind die Gefühle aber einmal stärker als das Denken, so blockt Frau M. jegliche Zuwendung ab. Es erscheint so auch wenig verwunderlich, daß Frau M.'s Weinen, nachdem sich die Gruppe ihr zuwendet, rasch aufhört und sie ihren Gefühlsausbruch kopflastig erklärt und wegdiskutiert.

Inwieweit die kompensatorischen Maßnahmen der therapiebegleitenden Frauengruppe Frau M. zu einer fortschreitenden Stabilisierung verhelfen können, soll im Folgenden kurz dargestellt werden:
Frau M. hat innerhalb der Gruppe einen festen und sicheren "Platz" gefunden, der ihr von keiner der anderen Frauen streitig gemacht wird.
Das Gruppenkonzept ist bedürfnis- und nicht leistungsorientiert, die Teilnehmerinnen werden als gleichwertige Persönlichkeiten betrachtet und es gibt weder in der Person noch in den Ergebnissen der Gruppenarbeit ein "richtig" oder "falsch" .
Jeder Teilnehmerin wird nach ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen ein Freiraum geboten, in dem sie sich fallen lassen kann. Niemand soll eine Höchstleistung vollbringen, noch wird jemand unter Druck gesetzt, etwas machen zu müssen, was sie nicht mag, wovor sie sich fürchtet oder wofür sie sich schämen würde. Das birgt für Frau M. die Möglichkeit, in begrenztem und geschütztem Rahmen zu lernen, daß sie so sein darf, wie sie ist. Und ihre besondere Leistung dabei liegt eben darin, sich nicht anstrengen und um Beachtung und Durchsetzung ihrer Bedürfnisse kämpfen zu müssen.
Innerhalb eines halbstrukturierten Rahmens wird jeder Teilnehmerin das Recht und die Möglichkeit geboten, die Planung der nächsten Sitzung(en) mitzubestimmen. Frau M. hat hierdurch die Möglichkeit, sich selbst in ihren Bedürfnissen zu fühlen, diese zum Ausdruck zu bringen und die Verantwortung im Rahmen der Gruppenplanung zu übernehmen.

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