Berufliche Qualifizierung von Flüchtlingsfrauen Referat anlässlich einer europäischen Tagung der VIA zur beruflichen Qualifizierung von Flüchtlingen am 24.10.2000 in Mülheim a.d.R. Annette Windgasse, PSZ Düsseldorf (Jahresbericht 2000) Das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf bietet Flüchtlingen psychosoziale Beratung und Therapie an und für MultiplikatorInnen im Flüchtlingsbereich Fachberatung, Supervision und Fortbildung. Die meisten KlientInnen sind durch Verfolgungs- und Fluchterfahrungen (Gefangenschaft, Folter, Mißhandlungen durch Sicherheitskräfte, Versteckt-Leben) oder durch Kriegsereignisse traumatisiert. Pro Jahr finden ca. 750 Flüchtlinge Unterstützung im PSZ. Neben der Einzelfallarbeit bietet das PSZ den KlientInnen verschiedene Gruppen und Kurse an. Die KlientInnen kommen aus ca. 40 Ländern, wobei die Gruppen der bosnischen und der kurdischen Flüchtlinge am stärksten vertreten sind. Etwa die Hälfte der KlientInnen sind weiblich. Berufliche Qualifizierung gehört nicht zum Aufgabenschwerpunkt des PSZ, aber das Thema hat seinen Platz in den Beratungen, auch wenn die Möglichkeiten zur Realisierung aufgrund der gesetzlichen und wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland sehr eingeschränkt sind. Ich werde mich im Folgenden deshalb mehr auf die Voraussetzungen auf Seiten der Flüchtlingsfrauen konzentrieren und weiterführende Empfehlungen zur Entwicklung von praktischen Ansätzen der anschließenden Diskussion überlassen. Voraussetzungen Bei der Schilderung von Lebenslagen hilft es, an bestimmte Menschen zu denken.
Aber an welche Flüchtlingsfrau soll ich bei der Frage "Voraussetzungen für berufliche Qualifizierung" denken -
Es ist klar: ein Angebot, das für alle passgenau sitzt, gibt es nicht. Deshalb kann ich hier auch kein systematisches Konzept entwickeln sondern allenfalls einige der zahlreichen Facetten beleuchten.
Bedürfnisse Hinter dem Wunsch nach Ausbildung und Arbeit stehen unterschiedliche Bedürfnisse und die Skala - die auf der Erfahrung aus Beratungsgesprächen nicht etwa aus einer wissenschaftlichen Untersuchung resultiert - sieht bei Flüchtlingen i.d.R. etwas anders aus als bei Einheimischen in Deutschland:
In der zweiten Generation stellt sich das oft anders dar: mir begegnen viele eritreische und tamilische junge Leute, die in den 80er Jahren als Kinder mit ihren Eltern nach Deutschland kamen und jetzt hier studieren oder in sehr qualifizierten Berufen arbeiten. Auffällig ist dabei, dass gerade viele junge Eritreerinnen in Beruf und Studium sehr erfolgreich sind. Dagegen haben viele ihrer Brüder oder andere junge Männer aus Eritrea massive soziale und berufliche Probleme. Bei den Flüchtlingen aus Eritrea kamen oft Mütter mit ihren Kindern nach Deutschland, deren Männer noch im Krieg oder Gefangenschaft waren oder nicht mehr lebten. Ich vermute, dass die Mädchen oft die Wünsche und Träume ihrer Mütter realisieren, die sie als starke Frauen erlebten, die aber selbst nicht die Chance hatten, im Exil eigene Bildungs- und Berufswünsche zu verwirklichen. Die Jungen hingegen erlebten oft ihr männliches Rollenvorbild, ihre später nachgekommenen Väter, in einer unsicheren Position. Kulturspezifische Unterschiede Es gibt geschichtlich, ökonomisch und kulturell erklärbare Unterschiede in der Bedeutung, die Erwerbsarbeit zugemessen wird. Ich erinnere mich, wie ich am Anfang meiner Flüchtlingsarbeit - vor nunmehr fast 17 Jahren annahm, in besonders guten Kontakt mit meinen KlientInnen zu kommen, wenn ich sie - über das eigentliche Beratungsanliegen hinaus - auch nach ihrem Beruf fragte. Ich wollte damit signalisieren, dass ich in ihnen eben nicht nur den Flüchtling sah, sondern einen Menschen mit eigener Geschichte und Kompetenzen. Die Resonanz war unterschiedlich und ich lernte, dass unsere Haltung, uns stark über unseren Beruf zu definieren und damit zu identifizieren, nicht unbedingt der Wertigkeit in afrikanischen oder asiatischen Kulturen entspricht. Man/frau definiert sich dort eher nach anderen Kriterien: als Mitglied einer Familie, einer sozialen Gruppe, man erhält Anerkennung und Respekt entsprechend dem Lebensalter, der Verwandtschaftsbeziehungen, Besitz oder z.B. der politischen Funktion. Nur: Besitz, die Familie oder soziale / politische Gruppe ist meist auch etwas, was man auf der Flucht verloren hat und die Identifikation mit der Gruppe Flüchtlinge ist keineswegs attraktiv. Der soziale Abstieg, unter dem viele Flüchtlinge leiden, ist eben nicht nur Verlust von Besitz, Einkommen und beruflicher Anerkennung, sondern besteht auch im Verlust oder der Zerstörung der sozialen Bezugsgruppe und Beziehungsnetze. Frauen, die in den meisten Gesellschaften stärker auf den nicht-öffentlichen Bereich verwiesen sind, erleiden diesen Verlust möglicherweise noch stärker als Männer, die auch im Aufnahmeland eher Zugang zu öffentlichen Bereichen (Verein, Teehaus, Plätze) haben. Andererseits bleibt den Frauen i.d.R. ein größeres Rollenspektrum im familiären Bereich erhalten: während der Mann nicht mehr Ernährer der Familie ist und infolge einer übermächtigen Bürokratie seine Familie auch nicht vor diversen Maßnahmen bewahren kann, bleibt die Frau Hausfrau und Mutter, zwei zentrale Rollen, auch für ehemals berufstätige Frauen. Durch diese Entwicklung kommt es häufig zu Verschiebungen in der innerfamiliären Balance und da Frauen stärker zuständig sind für das Innenklima der Familie, kompensieren sie es oft durch ihr Verhalten. "Ich muß mich schwächer zeigen, als ich bin, damit er sich stark fühlen und mich lieben kann." Dies ein Zitat einer Flüchtlingsfrau - die vor den Nazis floh, ihr in den Mund gelegt von der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun1, die aus eigenen Exilerfahrungen heraus schrieb. Neben der anders gewichteten Bedeutung, die berufliches Prestige und Selbstverwirklichung im Beruf für Menschen aus Kulturen hat, in denen die "protestantische Ethik" nicht so verwurzelt ist, gibt es auch unterschiedliche Einschätzungen der Wertigkeit der verschiedenen Berufe und auch hier spielen sicherlich geschlechtsspezifische Aspekte eine Rolle. Arzt oder Anwalt ist eine Perspektive, die man für seinen Sohn wünscht. - Und viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge tragen schwer an dem Erwartungsdruck ihrer Familien. - Friseuse aber ist durchaus ein Beruf, den sich auch junge Frauen mit Abitur wünschen. Generell genießen selbständige Berufe einen hohen Status und Stellenwert. Unterschiede in den Voraussetzungen von Flüchtlingsfrauen In Westeuropa leben Flüchtlinge aus vielen verschiedenen Herkunftsländern. Bezogen auf berufliche Bildung unterscheiden sich ihre Vorerfahrungen:
In Afrika und vielen Ländern Asiens und des Nahen Ostens dagegen ist die betriebliche Ausbildung wenig standardisiert, für viele Berufe wird ein Studium vorausgesetzt. Ein Studium eröffnet umgekehrt nicht unbedingt den Weg in einen akademischen Beruf, Betriebswirtschaftler z.B. arbeiten durchaus als Buchhalter u.ä. Viele Frauen haben nur wenige Jahre Schulbesuch, es gibt zahlreiche Analphabetinnen, daneben aber auch relativ viele Hochschulabsolventinnen - immerhin war und ist m.W. noch der Anteil weiblicher Studentinnen und Professorinnen z.B. in der Türkei höher als in Deutschland. Entsprechend auch die Unterschiede in der Berufstätigkeit: feste Arbeitsstellen als Arbeiter und Angestellte gab es in den Ländern der sog. Dritten Welt v.a. im öffentlichen Sektor. Durch Strukturanpassungsprogramme sind dort viele Arbeitsstellen gestrichen worden. In den letzten beiden Jahrzehnten entstanden parallel dazu, regional unterschiedlich verteilt, durch Verlagerung von Produktionsstätten Arbeitsplätze in der Industrie oder industriell betriebenen Landwirtschaft, mit Arbeitsbedingungen, die, bezogen auf Arbeitsschutz, Einkommen und Umweltschutz, hinter den europäischen Standards weit zurückbleiben. Weiterhin weit verbreitet ist selbständige Arbeit, vom Arzt und Geschäftsinhaber bis zum Autowäscher und anderen Tätigkeiten im informellen Sektor. Gelegenheitsberufe, Dienstleistungen, Selbständigkeit "Gelegenheitsberufe" wie sie Abdou Tourè in seinem überaus anregenden Buch "Auf der Straße liegt die Fantasie"2 nennt, scheinen weltweit eine Domäne von Immigranten zu sein, die in Abidjan ca. 70% der ambulanten Gelegenheitsberufe auf den Straßen beherrschen. Tourè listet Tätigkeiten von Einwanderern aus Burkina Faso, Mali, Guinea, Ghana, Nigeria und Senegal in die Elfenbeinküste auf, wobei Menschen gleicher Herkunft vorwiegend die gleichen Berufe ausüben.
Daß die Felder mit weiblichen Berufen weniger stark besetzt sind, liegt daran, daß Männer meist allein emigrieren. Ghana sei das einzige Land, aus dem mehr Frauen als Männer einwandern. Einheimische Frauen und Immigrantinnen in Westafrika sind in hohem Ausmaß erwerbstätig. Sie haben den Handel in der Hand; der Markthandel z.B. ist eine weibliche Domäne, legendär sind die "Mama Benz", die Marktfrauen von Accra. Von den Frauen wird ein Beitrag zum Familieneinkommen erwartet, weibliche Tätigkeiten zeichnen sich durch große Flexibilität aus, die Frauen suchen immer neue Nischen, und ihre geldeinbringenden Tätigkeiten sind nicht immer genau zu trennen von der familiären Substizenzarbeit3. Mutterschaft und Berufstätigkeit zu vereinbaren, ist eher möglich als in Deutschland, weil die Versorgung der Kinder eine gemeinschaftliche Aufgabe eines größeren Familienverbandes darstellt, Nachbarinnen sich beteiligen und Kinder auch längere Phasen ihres Lebens in anderen Familien (z.B. der Schwester, der Großeltern) verbringen4 . Die aufgelisteten Tätigkeiten zeigen Phantasie, Kreativität und Überlebenswillen - Eigenschaften, die Flüchtlinge und MigrantInnen brauchen und entwickeln. Wer mit offenen Augen durch unsere Städte geht, sieht, wie über die Jahre hinweg, sich Integrationsaktivitäten von Einwanderern in der Eröffnung von Läden, Restaurants, und Werkstätten niederschlagen. Ich betrachte aus meinem Angestelltenarbeitsverhältnis heraus manchmal bewundernd aber auch skeptisch den Mut, die Risikobereitschaft, zuweilen aber auch "Blauäugigkeit", mit der sich Flüchtlinge auf Geschäftsgründungen einlassen. Deregulierung Neben Normalarbeitsverhältnissen entsteht eine Vielzahl von unterschiedlichen Einkommensarten. Eine immer stärkere Konsumorientierung schafft gleichzeitig Bedürfnisse nach neuen Dienstleistungen. Für die Prozesse von Deregulierung, Outsourcing, Privatisierung, wie wir sie hier erleben, bringen Flüchtlinge und Immigranten eigentlich hervorragende Vorerfahrungen mit. Vielleicht können wir von ihnen lernen? Hier soll nicht das Loblied von Deregulierungsprozessen gesungen werden, die ja auch zu erheblichen sozialen Verwerfungen führen. Aber so, wie wir auch bei traumatisierten Flüchtlingen oft erstaunt und bewundernd beobachten, welche Ressourcen diese Menschen in sich erschließen können, um schwerste Schicksale zu bewältigen, können wir vielleicht auch in Bezug auf die berufliche Entwicklung damit rechnen, dass die in schwierigeren wirtschaftlichen Bedingungen gewonnenen Erfahrungen Flüchtlingen helfen können, hier Gelegenheiten - auch jenseits von Putzjobs, Bauarbeiten und Rosenverkaufen - aufzutun und auszubauen. Leisten wir uns einmal die Phantasie, die Unterschiede zwischen Schwarzarbeit und geregelter Arbeit seien aufgehoben und der Zugang zum Arbeitsmarkt und zur Existenzgründung sei frei. In Wirklichkeit aber setzen die bürokratischen Auflagen einer Partizipation von Flüchtlingen enge Grenzen - der Zugang zum Arbeitsmarkt und zur Selbständigkeit ist reglementiert, die behördlichen Auflagen - Konzessionen, Steuer, Buchhaltung etc. - sind kompliziert, gerade für Fremde, Kredite sind für sie schwer zu bekommen. Dagegen sind Erfahrungen aus dem Heimatland, die Lebenssituation "Neuanfang", Flexibilität und die Mitarbeit der gesamten Familie begünstigende Faktoren. Gebraucht wird Qualifizierung, Beratung und Zugang zu Know-how und Strukturen. Bedarf von Frauen Zu den spezifischen Voraussetzungen von Frauen: Br>Sehen wir der Einfachheit halber von feineren Differenzierungen ab und betrachten nur die Gruppe der Frauen mit geringer formaler Ausbildung und keinen oder wenig Erfahrungen in Erwerbstätigkeit einerseits und die Gruppe ausgebildeter, im Heimatland berufstätiger Frauen andererseits.
Gleich ist für beide Gruppen aber auch meistens die Zuständigkeit für den häuslichen Bereich und die Kinder. Dies läßt sie oft den Blick intensiver auf das vor ihr Liegende richten, das Funktionieren des Alltagslebens unter erschwerten Bedingungen. Überforderungssituationen entstehen hieraus, aber auch Chancen: sie lernen mit weniger Angst, sich zu blamieren, die Sprache schneller, das Einleben der Kinder, in eine Welt, die ihr fremd ist, kann auch Kontakte bringen, Exil ist ihnen nicht nur Verlust, sondern auch Aufgabe. In vielen Flüchtlingsfamilien und -gemeinschaften sind es vor allem die Frauen, die den Prozess der Neuorientierung tragen und soziale Netze aufbauen, auch wenn ihr Anteil oft unbeachtet bleibt - sogar ihnen selbst nicht bewusst ist - und zu heftigen innerfamiliären Konflikten führen kann. Gleich ist auch für beide Gruppen eine erhöhte Bereitschaft von Frauen, sich auf gering angesehene Arbeitsverhältnisse mit schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigem Lohn einzulassen. Das faktische Arbeitsverbot lässt sich mit Putzjobs u.ä. am ehesten umgehen, Frauen bekommen diese Jobs manchmal leichter und sind auch eher bereit, sich auf solche einzulassen. Das ist übrigens nichts Neues: viele Werke deutschsprachiger Schriftsteller und Wissenschaftler im Exil hätten nicht geschrieben werden können, wenn ihre Frauen die Familie nicht als Dienstmädchen, Handschuhnäherinnen u.ä. durchgebracht hätten. Für Frauen der ersten Gruppe - mit geringer formaler Ausbildung und Erwerbstätigkeit - ist es ungleich schwerer, sich in der Aufnahmegesellschaft nach außen zu orientieren. Ungeübt im Lernen einer Fremdsprache, nicht gewohnt, sich in öffentlichen Räumen allein zu bewegen und Kontakte außerhalb der Familie und Nachbarschaft zu pflegen, ggf. die Umstellung vom Landleben auf das Leben in einer Großstadt zu bewältigen, evtl. noch vom Mann an eigenständigen Schritten gehindert, leiden sie oft an Einsamkeit und Isolation. Zu vielen finden wir keinen Zugang und sie nicht zu uns. Die Abhängigkeit von der Sozialhilfe bietet für Frauen dieser ersten Gruppe allerdings auch Chancen: zum ersten Mal haben sie zumindest die theoretische Möglichkeit wirtschaftlicher Unabhängigkeit, sie können sich von ihrem Mann trennen und beide wissen das. Wir sehen viele Ehen im Exil zerbrechen. Welches Potential viele Frauen haben, erkennen wir sehr stark bei denen, die allein mit ihren Kindern hier leben und notwendigerweise die Außenvertretung der Familie mit übernehmen müssen. Sie brauchen evtl. spezielle Alphabetisierungskurse in der Fremdsprache bez. im lateinischen Alphabet, sie brauchen Sprachkurse, die an ihren Lernerfahrungen anknüpfen und finden berufliche Möglichkeiten am ehesten in Bereichen, die an ihren Haushalts- und ggf. Landwirtschaftskompetenzen anknüpfen: Nähen, Kochen, Pflegen, Frisieren, Verkauf und Gastronomie und sollten in Qualifizierungsangeboten auch Zugang zu den entspr. Kenntnissen in Betriebsführung bekommen. Bei den gut ausgebildeten und berufserfahrenen Frauen der zweiten Gruppe haben es Frauen in technischen Berufen in Deutschland sicher leichter als in Verwaltungsberufen, bei denen es mehr auf sprachliche und landesspezifische Kenntnisse ankommt. In Heil- und Pflegeberufen werden ihre kulturspezifischen Haltungen eher geschätzt als in pädagogischen Berufen. Erfahrungen aus berufsqualifizierenden Projekten zeigen, dass oft die Voraussetzungen den Anforderungen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt nicht entsprechen, dass evtl. auch eine Posttraumatische Belastungsstörung den Zugang zu früheren Fähigkeiten zerstört hat - erhebliche Frustrationen sind da zu verarbeiten. Spezifische Nachqualifizierungen sind notwendig, ein Angebot für ein breites Teilnehmerinnenspektrum sind sicherlich Fortbildungen in den Bereichen Computer und Betriebswirtschaft.
Berufliche Qualifizierung und Rückkehr Viele Flüchtlinge wollen zurückehren, wenn es die Situation im Heimatland erlaubt. Haben sie Zugang zu Ausbildung richten sie oft ihre Pläne nach den Erfordernissen dort aus. Andere müssen zurückkehren. Leider sind beide Gruppen nicht deckungsgleich, und wir wissen alle aus der Beratung, was das heißt. Wichtig ist, daß die Frauen selbst entscheiden können an einer Qualifizierung teilzunehmen und daß die Teilnahme nicht von einer Rückkehrerklärung abhängig gemacht wird. Einige unserer KlientInnen mit unsicherem Aufenthaltsstatus haben das Angebot der VIA zur Teilqualifizierung und einer Aufenthaltssicherheit für die Dauer der Maßnahme gern genutzt. Sie hätten sich nicht darauf einlassen können, wenn am Ende eine Selbstverpflichtung zur Ausreise gestanden hätte. Aber es gibt durchaus Flüchtlinge, die selbst argumentieren, daß eine bessere Qualifizierung auf längere Sicht die Möglichkeiten einer Rückkehr mit Perspektive befördert. Ideen für Angebote und Maßnahmen Es scheint keinen Überblick über Maßnahmen und ihre Effektivität zur beruflichen Qualifizierung von Flüchtlingsfrauen zu geben. Stattdessen einige Beispiele "guter Praxis" zum Schluss: Das PSZ bietet einen Deutschkurs an, der auf die Bedürfnisse traumatisierter Flüchtlinge besondere Rücksicht nimmt. In Wuppertal wurden bosnische Männer und Frauen in verschiedenen Baugewerken ausgebildet und weitere Unterstützung zum Wiederaufbau zerstörter Häuser organisiert. In Neuss wurde Flüchtlingen aus dem Irak Vorbereitungskurse, Praktika, Begleitung erster Berufstätigkeit, Eröffnung von Möglichkeiten ehrenamtlicher Arbeit und kontinuierliche Beratung angeboten und dieses Konzept auf weitere Gruppen ausgeweitet. Für Düsseldorf berichtet eine Kollegin von der diakonischen Beschäftigungsgesellschaft Renatec von einem Second-Hand-Kaufhaus, in dem Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen auf allen Ebenen (Verkauf und Verwaltung) tätig sind. In Berlin besuchen arabische Frauen und Mädchen in der Selbsthilfeeinrichtung Al Dar Computerkurse auf verschiedenen Niveaus. In Graz und in Utrecht werden Frauen als Mediatorinnen im sozialen und Gesundheitsbereich fortgebildet. In Antwerpen bauten Flüchtlinge ein Catering-Unternehmen "Baobab" auf, sie versorgen Feste und Veranstaltungen mit phantasievollen Spezialitäten. Empfehlungen Einige - weiter zu ergänzende - Empfehlungen, die ich Gesprächen mit Flüchtlingen entnommen habe: Neben Basis- Berufen, die überall gebraucht werden, sollten Frauen die Möglichkeit bekommen exemplarisch Kenntnisse in Betriebsführung zu erwerben. Hier und im Herkunftsland können ihre Erfahrungen als Grenzgängerinnen in Auslandsbeziehungen, Tourismus, Gastronomie wertvoll sein. Frauen sollten Zugang zu technischen Bereichen bekommen - im Herkunftsland können Kenntnisse, Kleinmaschinen zu warten und zu reparieren sinnvoll sein - ein hierzulande aussterbender Bereich, der aber auch einen Markt finden könnte bei Menschen, die die Wegwerf-Mentalität leid sind. Flüchtlinge regten an, traditionelle Techniken ihrer Herkunftsländer, die mit der Dampfmaschine untergegangen sind, auf elektronische Umsetzungen zu überprüfen und durch entspr. Aufwertung vom Westen her neu zu beleben. Außerdem solle man den Umweltschutz als kommende Aufgabe nicht vergessen. Andere wünschten Fortbildung oder Ausbildung in Formen ziviler Konfliktbearbeitung, den "Krieg haben wir zuhause schon genug." Wir überlegen diesen Wunsch aufzugreifen und in Zusammenarbeit mit Friedensforschungsinstituten u.ä. Angebote zu entwickeln, in denen die hier erarbeiteten Ansätze gemeinsam mit Flüchtlingen auf ihre Verwendbarkeit in deren Gesellschaften reflektiert werden können. Mit der wichtigsten Empfehlung möchte ich schließen: fragen wir die Frauen selbst nach ihren Vorerfahrungen, nach ihren Perspektiven und Wünschen und danach, was sie sich zutrauen können und leisten wollen. Fragen wir sie in unseren Arbeitszusammenhängen, aber auch ggf. in Kooperation mehrerer Einrichtungen in systematischer Form. |
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