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Psychosoziale Versorgungsstruktur von Kurdinnen

Referat zur Tagung "Kurdische Frauen - Ausweg Flucht?!" Bremen

Cinur Ghaderi, Dipl. Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin

Die Situation kurdischer Frauen ist zwar immer wieder mal Schwerpunkt einer Tagung verschiedener Organisationen, doch es sind eher punktuelle Fokussierungen. Insgesamt scheint es mir ein sehr vernachlässigtes Thema zu sein, daher freue ich mich, dass der IMK e.V. es ermöglicht hat, dass wir uns an diesem Wochenende mit kurdischen Frauen beschäftigen.

Mir ist keine Erhebung oder wissenschaftliche Studie bekannt, die sich konkret mit der psychosozialen Versorgung von Kurdinnen beschäftigt. Ich möchte mich vortasten, indem ich die Begriffe zunächst einzeln betrachte.

Wenn ich den Begriff "psychosozial" in den Mund nehme, dann kann damit Sozialberatung gemeint sein, aber auch Therapie. Eigentlich gehört auch der Bereich der medizinischen Versorgung und der Begutachtung in dieses Feld. Denn das Erstellen von Gutachten kann bei kurdischen Flüchtlingsfrauen aufenthaltsrechtliche Konsequenzen haben, wenn diese aufgrund von Traumatisierung "reiseunfähig" sind. Die Begutachtung kann auch eine Rolle spielen bei Arbeitsunfähigkeit und Berentung von beispielsweise älteren und kranken Frauen.

Vorhandene "Strukturen" sind in den Angeboten der Wohlfahrtsverbänden - sprich der Caritas, des Diakonischen Werkes und der Arbeiterwohlfahrt -, der Kommunen und der migrationspezifischen und kurdischen Selbstorganisationen zu finden. Das Landeszentrum für Zuwanderung in Solingen hat ein Adressverzeichnis der meisten Migrantenselbstorganisationen in NRW erstellt. Zu wichtigen Anlaufstellen besonders für Flüchtlingsfrauen sind die Psychosozialen Zentren und Therapiezentren für Folteropfer im gesamten Bundesgebiet geworden, Kliniken und psychotherapeutische Ambulanzen sind Möglichkeiten, die seltener genutzt werden.

Meistens sind diese Angebote, ob nun Sozialberatung oder Therapie erwünscht ist, nicht explizit für kurdische Frauen, sondern für die Gruppe von Migranten, oder Flüchtlingen, oder für Frauen oder für Kurden.

Die bestehende Struktur der gesundheitlichen Versorgung hat Defizite, so ist die therapeutische Versorgungsstruktur ethnozentristisch organisiert, d.h. angepasst an deutsches und deutschsprachiges Klientel. Da Dolmetschen keine KV-Leistung ist, können Sprachprobleme immer nur im Einzelfall gelöst werden (Bekannter kommt mit, "Glück" dass es einen Muttersprachler in der Einrichtung gibt, Kosten des Dolmetschers werden vom Sozialamt übernommen). Es gibt kein Finanzierungskonzept, dass Dolmetscher in den Regeldiensten der Gesundheitsversorgung integriert. Daher gibt es derzeit keine ausreichende Zahl von qualifizierten Dolmetschern, die im sozialen und therapeutischen Bereich tätig sein könnten. Eher als eine Ausnahme ist die Errichtung eines Dolmetscherdienstes des Ethno-Medizinischen Zentrums in Hannover zu sehen, dass bisher ca. 200 Dolmetscher zu Kulturvermittlern geschult hat. In den meisten Ländern der europäischen Gemeinschaft gibt es öffentlich finanzierte Dolmetscherdienste.

Sprach- und Kulturbarrieren erschweren den für den Heilungserfolg notwendige Compliance zwischen Therapeut und Klient und führen zu Kommunikationsstörungen, wenn der Therapeut nicht kultursensibel ist. Doch wenn die sprachliche Verständigung erst gar nicht möglich ist, da keine Deutschkenntnisse und keine Dolmetscher zur Verfügung stehen, ist die Inanspruchnahme der vorhandenen psychosozialen Versorgung schlicht nicht möglich, da nicht besprechbar.

Es gibt nur eine geringe Vernetzung des Gesundheitswesens zwischen Beratungseinrichtungen, ambulanten und stationären Bereichen. Für Klienten mit einer Somatisierungsstörung ist dieses Systems einladend für das sogenannte "doctor-hopping", das viele Kosten verursacht und ineffektiv ist.

Es herrscht eine ausgesprochene Komm-Struktur der Versorgungsdienste, d.h. das bestehende System ist darauf angelegt, dass die Klienten fit genug sind, sich über vorhandene Strukturen zu informieren und das Passende aufzusuchen. Damit sind viele Klienten schlicht überfordert.

Kommen wir zu dem Wort Kurdinnen in dem Titel. Es gibt natürlich nicht die kurdische Frau mit den Problemen, sondern ihre Lage ist abhängig u.a. von

Aufenthaltsstatus (Spektrum reicht von Illegalität bis zu Einbürgerung)
der Dauer des Aufenthalts (neu, seit 30 Jahren hier, hier geboren, 1. bis zu 3. Generation)
der familiären Situation (verheiratet, geschieden, ledig, mit/ohne Kinder)
dem Herkunftsland
Bildungsgrad (Analphabetin bis zu Akademikerin)
der gesellschaftlichen Stellung
Religion (Muslimin, Yezidi, Aleviten, Atheistin,...)
der wirtschaftlichen Situation (Sozialhilfebezug, Selbstverdienern, ..)
der Form der Zuwanderung (Asylzuwanderung, Ehegatten- und Familiennachzug, Arbeitsmigration)

Grundsätzlich stehen Kurdinnen die gleichen Versorgungsstrukturen zur Verfügung wie auch anderen parallelen Gruppen mit gleichem Aufenthaltsstatus. Denn vor allem vom Status hängt der Anspruch auf bestimmte Versorgungsstrukturen ab.

Eine eingebürgerte Kurdin mit deutschen Sprachkenntnissen hat demnach geringe Hürden im Vergleich zu einer traumatisierten, alleinstehenden Kurdin mit einer Duldung ohne Deutschkenntnisse.

Gehen wir noch einmal auf den Begriff "Kurdinnen" ein. Dieses Wort impliziert eine kurdische Identität. Die Frage drängt sich auf, ist eine solche ethnische Differenzierung notwendig bei der Betrachtung der psychosozialen Versorgung? Ich denke: ja.

Der Berater oder Therapeut muss nicht eingehende Kenntnisse über Kurdistan und die Kurden haben, aber wissen um die Unterdrückung der kurdischen Identität in den Herkunftsländern, Fortsetzung der Nichtakzeptanz der Kurden als eigenständiges Volk in Deutschland (Ansätze institutionalisierten Rassismus'). Gerade aus diesen Gründen ist es wichtig, die ethnische Selbstwahrnehmung ernst zu nehmen und für sie ebenso sensibel sein.

Kommen wir zum letzten Begriff in der Überschrift, nämlich "Versorgung". Wenn ich beurteilen soll, wie die Versorgung ist, müsste ich wissen, wie das Verhältnis zwischen Bedarf und Inanspruchnahme ist.

Sprache
generelle Informationsmängel über Möglichkeiten
Voraussetzungen (z.b. für Therapie: Kosten, Einschränkungen des Leistungsspektrums z.b. bei Asylbewerbern)
familiäre Rahmenbedingungen

Tatsache ist, dass die Datenlage bzgl. Bedarf und Inanspruchnahme psychosozialer und psychiatrischer Versorgung von Migranten insgesamt rar ist und nach meinen Informationen für kurdische Frauen überhaupt nicht vorliegt. Selbst wenn es Daten dazu gäbe, wie die beobachtete Inanspruchnahme des vorhandenen Versorgungssystems ist, gibt das keine Auskunft über den tatsächlichen Versorgungsbedarf. Von dem Schritt kurdische Frau mit psychischem Problem bis zu der zufriedenstellenden Inanspruchnahme gibt es einige zu berücksichtigende Aspekte:

der eigene Wunsch nach einer Therapie muß vorhanden sein
die Informationen über die Therapiemöglichkeiten müssen vorhanden sein
die Informationen über die Therapiemöglichkeiten müssen vorhanden sein
die sprachliche Verständigung mit der Therapeutin muß gewährleistet sein
ggf. kann es wichtig sein, daß eine weibliche Therapeutin oder Ärztin und eine weibliche Dolmetscherin zur Verfügung steht
die Behandlerin sollte kultursensibel sein
die Behandlerin sollte Kenntnisse über die Situation von Migranten / Flüchtlingen / Kurden haben
der Ort muß erreichbar sein
die Finanzierung muß gesichert werden
der Behandler muß einen freien Therapieplatz haben

Indikatoren für die Bedarfsanalyse bietet die Stressforschung. Nach den Ergebnissen der Stressforschung wirken sich vor allem "life-events", d.h. plötzlich auftretende, überraschende und einschneidende Lebensereignisse und Verluste und chronische Stressoren auf die Gesundheit der Menschen aus, da diese Ereignisse erhöhte Anpassungsleistungen des Individuums fordern. Besonders belastend wirken sich unerwünschte, unüberschaubare und unkontrollierbare Ereignisse mit negativen Folgen aus.

Nach derzeitigen Forschungsergebnissen sind Migranten 30 mal mehr belastet durch life-events, als die einheimische Bevölkerung.

Wir können davon ausgehen, dass der Bedarf an Beratung und Therapie bei kurdischen Frauen relativ hoch ist. Denn die Vorgeschichte und Lebensbedingungen von Kurdinnen gegenüber der einheimischen Bevölkerung sind von stark erhöhten Risiken für die Entstehung psychischer Störungen und Erkrankungen geprägt.

Kurdische Frauen erleben Krieg, Haft, Folter, sexuelle Gewalt, Verlust von nahen Angehörigen oder gar eigener Kinder und Männer, wirtschaftliche Abhängigkeit, sozialen Druck durch Religion und Tradition, Flucht, Erniedrigung, usw. Wenn sie flüchten, beispielsweise nach Deutschland, dann stehen sie vor einem Berg an Problemen, nicht nur aufenthaltsrechtlich, sondern auch in Folge von Entwurzlung und Isolation.

Die meisten dieser Ereignisse sind für kurdische Frauen zunächst einmal wenig oder gar nicht kontrollierbar:
die Willkür des Staatsapparats in den Herkunftsländern
die politischen Aktivitäten des Mannes, die Auswirkungen auf ihr Leben haben
die einengenden gesellschaftlichen Strukturen
in Deutschland: die Auswirkungen des Ausländerrechts, selektive Strukturen des Gesundheitswesens

Nun gibt es die These, daß es nicht nur von der Art und der Anzahl der Stressoren abhängt, ob jemand physische oder psychische Störungen entwickelt, sondern auch von den vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten, den sogenannten "Coping-Strategien". Je stärker sich diese Lebensereignisse häufen und je intensiver und länger sie einwirken, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für eine Überforderung, d.h. die vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten der Betroffenen reichen nicht mehr aus. Selbst besonders stabile, flexible, vielseitige Persönlichkeiten mit hohen sozialen und kulturellen Kompetenzen halten einem dauerhaften Druck nicht stand. Der soziale Druck, Erwartungshaltungen, Ängste und Anpassungsleistungen in der Migration schränken die vorhandenen Ressourcen ein.

Als Folge können emotionale Spannungszustände, psychosomatische Störungen, Depression, Angst und Schmerzzustände auftreten. Nimmt die Betroffene oder kann die Betroffene die vorhandene Versorgungsstruktur nicht in Anspruch nehmen (siehe o.g. Barrieren) besteht die Gefahr der Chronifizierung durch einen späteren Behandlungsbeginn.

Insbesondere Personen mit niedrigem Bildungsniveau und aus unteren sozialen Schichten reagieren auf Stresserleben mit Somatisierung, und haben wenig Zugang zu psychotherapeutischen Erklärungsansätzen.

Coping-Strategien allein reichen, wie gesagt, nicht aus, um gesundheitlich stabil zu bleiben, die gesellschaftlichen Bedingungen und das unmittelbare Umfeld der kurdischen Frau ist wichtig. Das gilt insbesondere für traumatisierte kurdische Frauen. Werden diese Kurdinnen, nachdem sie in Beratung und Therapie gestärkt werden, die aufgebaute Stabilität halten können? Für therapeutische Behandlung ist immens wichtig, wie das traumatische Ereignis von der Gesellschaft und für die Klientin als Teil dieser Gesellschaft bewertet wird: Wird eine sexuell gefolterte kurdische Frau als Märtyrerin oder Schandfleck und Symbol der Schwäche gesehen?

Die jetzige gesellschaftliche Situation ermöglicht sexuell gefolterten kurdischen Frauen keinen Lebensraum, weder psychisch noch physisch. Soziale Unterstützung gibt es unter Kurden, solange Fragen der Sexualität und Ehre außen vor bleiben. Denn eine "saubere" Frau, die sich mit einer "schmutzigen" Frau befasst, ist am Ende wohlmöglich selbst "beschmutzt".

Es ist einfacher, bei Traumatisierten eine "Ausnahme" zu machen, sie als arme Opfer der feindlichen Gewalt anzusehen und im Schutz des Exils diese Frauen in die kurdischen Gemeinden zu reintegrieren.

Doch die grundsätzliche Frage bleibt: wie tolerant ist die kurdische Gesellschaft und wie geht sie mit Frauen und Mädchen um, die neue Lebenskonzepte kurdischer Frauen entwerfen? Wie geht sie um mit Kurdinnen, die an die Grenzen des gesellschaftlich akzeptierten Rahmens gekommen sind, weil sie Fragen der Sexualität und männlicher Dominanz anders gelöst haben? Bisher wurden diese Frauen in der Regel ausgeschlossen oder zumindest mit Verachtung gestraft. Noch hat die kurdische Frau nur den Weg der Tradition, dazu gehört auch, sich über Bildung und politische Arbeit einen nahezu männlichen Status zu erkämpfen.

Noch gibt es nur wenige gesellschaftlich akzeptierte Wege aus diesem engen religiös und traditionell gebundenen Korsett zeitweise zu entfliehen und in dieser Gesellschaft "aufzusteigen", und zwar über politische oder religiöse Bildung und Engagement, in letzter Zeit auch durch die Unterstützung der Erhaltung der kurdischen Kultur und Sprache (sozusagen als Bestandteile des nationalen Kampfes). Ein Weg außerhalb dieses Korsetts oder der traditionell vorgeschriebenen Frauenrolle bedeutet Ächtung und Ausschluss aus der kurdischen Gesellschaft.

Fassen wir zusammen:

Für traumatisierte kurdische Flüchtlingsfrauen, die in der Regel kaum über Deutschkenntnisse verfügen, ist der Bedarf an psychosozialer Unterstützung groß. Die vorhandenen Möglichkeiten reichen bei weitem nicht aus: die Psychosozialen Zentren haben derzeit so gut wie keine freien Aufnahmekapazitäten, über private Ambulanzen kann die Versorgung aufgrund der Sprachbarrieren und der schwierigen Kostenübernahme nicht geleistet werden.

Das heißt: diejenigen kurdischen Frauen, die den meisten Bedarf haben, haben den geringsten Zugang zu der vorhandenen Versorgungsstruktur.

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