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Mutmaßungen zur psychosozialen Situation lesbischer Flüchtlingsfrauen

Annette Windgasse, PSZ Düsseldorf
Referat zur Fachtagung: "Liebe=Illegal" Asyl für Lesben, veranstaltet von AG "Lesben und Asyl" und Evangelischem Flüchtlingsreferat Düsseldorf am 3.10.2001

Vorbemerkung: In der Flüchtlingsarbeit ist wenig bekannt über die Situation lesbischer Frauen. Deshalb folgen hier Mut - maßungen, zugegebenermaßen klischeehafte, unüberprüfte, verbunden mit dem "Mut", das Risiko unzutreffender Schlussfolgerungen einzugehen.

Im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge finden Flüchtlinge psychotherapeutische Unterstützung bei der Verarbeitung ihrer traumatischen Verfolgungs- Kriegs- und Fluchterfahrungen und bei der Bewältigung ihre Lebenssituation als Asylsuchende. Die KlientInnen kommen u.a. aus der Türkei (überwiegend KurdInnen), aus Bosnien, Iran Afghanistan, Jugoslawien und Kosovo, aus verschiedenen afrikanischen Ländern, aus Sri Lanka. Frauen bilden etwas mehr als die Hälfte der Klientel. Lesbische Frauen sind nur äußerst selten dabei.

Ich begann meine Beschäftigung mit dem Thema mit einer kleinen Umfrage bei Kolleginnen und Bekannten: "Wie denkt man bei Euch über lesbische Beziehungen? Ist das verboten oder erlaubt?..." und zitiere die Antwort einer eritreischen Bekannten: "Nee - das gibt's bei uns nicht. Bei Männern ja, das kommt von den Arabern, im Sudan gibt's das auch und früher bei den Italienern. Das ist aber sehr gefährlich. Wenn die Familie das weiß, muß weg. Aber bei Frauen? Hab ich mal mit meinem Schwager drübergesprochen, der sagt "Was, das gibt's auch bei Frauen? Nein! Was machen die denn." Vielleicht kommt das später auch zu uns. Aber das ist verboten, muß Gefängnis oder Schlimmeres."

Die Antwort enthält einige charakteristische Elemente: Ignorieren, Zuschreibung zu Fremdem und Skepsis gegenüber fremden Einflüssen, Tabuisierung, Voyeurismus, das Gefühl von etwas Verbotenem. Zur Information: in Eritrea ist lesbische Liebe nicht verboten..

In jüngster Zeit suchte ein iranisches Frauenpaar das PSZ auf. Eine der beiden war aufgrund ihres Lesbischseins von einem Familienangehörigen denunziert worden, unter der Anschuldigung regimefeindliche Schriften verbreitet zu haben. Sie hat inzwischen Asyl bekommen, wird aber auch in Deutschland verfolgt. Ihr Ehemann und seine Familie bedrohen sie und ihre Freundin mit körperlicher Gewalt und Todesdrohungen. Ihr Anliegen an das PSZ ist die Unterstützung ihrer Freundin, die noch im Asylverfahren steht, bei der Genehmigung zum Wohnortwechsel, da sich die beiden Frauen in ihrer Stadt nicht mehr sicher fühlen können.

Charakteristisch an diesem Fall ist die Vermischung staatlicher Verfolgung im Herkunftsland, familiärer Ausgrenzung und Bedrohung, die bis nach Deutschland reicht, und die Abhängigkeit als Asylsuchende von behördlichen Entscheidungen.

Für die psychosoziale Situation lesbischer Flüchtlingsfrauen ist deshalb der gesellschaftliche und familiäre Rahmen von gleichgroßer Bedeutung wie die Gesetzeslage und die politische Situation. Dazu wähle zwei Aspekte aus: Familienmuster in unterschiedlichem kulturellen Kontext und Frauenbeziehungen ins islamischen Gesellschaften.

1. Familienmuster

Bis Mitte des 20.Jahrhundert lassen sich - stark vereinfacht - zwei unterschiedliche Familienmodelle im ländlichen Raum Europas beschreiben1:

Einerseits das - weltweit traditionell eher weniger verbreitete - westeuropäische Heiratsmuster2:
Charakteristika sind ein relativ spätes Heiratsalter, demzufolge geringere Geburtenraten und eine längeres Stadium zwischen Pubertät und Eheschließung, in der die jungen Leute das Elternhaus verlassen, sich z.B. als Gesinde verdingen oder als Handwerksburschen ziehen, um Geld für eine spätere Heirat anzusparen. In Märchen finden sich diese Muster wieder. Das väterliche Erbe geht auf den ältesten oder den jüngsten Sohn über oder wird zwischen den Nachkommen aufgeteilt. Die nicht Erbberechtigten verlassen den Hof, gründen nach Möglichkeit einen eigenen Hausstand oder bleiben ledig und verrichten weiter Lohnarbeit. Die Kernfamilie (Eltern und unverheiratete Kinder steht zentral, evtl. leben die Großeltern im "Ausgedinge". Zusätzliche Arbeitskräfte werden in Lohnarbeit beschäftigt.

Ich beginne mit dem Bereich, den alle Flüchtlingsfrauen teilen: Asyl - und meine damit die rechtlichen und sozialen Bedingungen im Aufnahmeland und gehe von der Situation in Deutschland aus: die Aufnahmebedingungen sind geradezu darauf angelegt, eine Integration zu verhindern.

Grundsätzlich bietet dieses Muster Raum für unterschiedliche Lebensformen, ohne dadurch in Frage gestellt zu werden.

Andererseits das traditionelle osteuropäische Heiratsmuster, dem weltweit mehr Familienmuster ähnlich sind :
Charakteristika sind ein relativ frühes Heiratsalter, dadurch eine höhere Geburtenrate und keine deutlich abgesetzte "Jugendzeit". In der Regel bleiben die jungen Männer im väterlichen Haus, die jungen Frauen ziehen zu ihren Ehemännern. Den Hausstand bildet so ein Geflecht von mehreren miteinander verwandten Kernfamilien. Ehelosigkeit ist die große Ausnahme. Heirat und Nachkommen bringen dem Hausstand neue Arbeitskräfte und sichern die Kontinuität. Die familiären Entscheidungs- und Autoritätsstrukturen umfassen mehrere Generationen. In der Regel liegt die Autorität beim gemeinsamen Vater. Hof und Besitz gilt als gemeinsames Eigentum aller. Die einzelnen Personen verstehen sich in erster Linie als Familienangehörige, weniger als Individuen. Verletzungen der Familienehre treffen den gesamten Verband, der aufgerufen ist, entsprechend zu reagieren. So galt z.B. die Praxis der Blutrache nicht als eine Option der individuellen Entscheidung sondern als Familienaufgabe. Der Mann, der Blutrache ausübte, entlastete damit seine Söhne und Neffen von dieser Aufgabe.

Es wird nachvollziehbar, wie wenig Raum eine entsprechend strukturierte Gesellschaft für abweichende Lebensformen bietet. Aus dem Familienverband auszuziehen, bedeutet bereits eine Abweichung, während sie im westeuropäischen Muster vorgesehen ist. Wer keine Familie mehr hat - z.B. weil die Angehörigen im Krieg ermordet wurden - , hat keinen vorgesehenen Platz in der Gesellschaft. Auf gesellschaftlicher Ebene bedeutet die Zerstörung familiärer Strukturen durch Krieg, Flucht und Vertreibung die Aufgabe einer weitgehenden Neuorganisierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und - da neue Formen und Verbindlichkeiten erst zu entwickeln sind - einen Zustand der Desorganisation und Anomie.

Bezogen auf die Situation von Lesben bedeutet das osteuropäische Familienmuster:
Frühe Heirat, ggf. bevor die sexuelle Identitätsfindung abgeschlossen ist und wenig Möglichkeiten, eine andere Lebensform zu realisieren
Starke Konformitätserwartungen seitens der Familie, deren Ehre und Ruf vom Verhalten der weiblichen Mitglieder abhängt
Eine stark auf Mutterschaft orientierte weibliche Identität
Ein eigenes Selbstverständnis als Angehörige einer Familie, als Mitglied eines Kollektivs vs. einem eher individualistischem Selbstverständnis im "westlichen" Kontext.
Für das Asylverfahren bewirkt der starke gesellschaftliche und familiäre Druck zur Ehe Probleme bei der Frage der Irreversibilität, nach dem Motto: "Wenn sie schon einmal verheiratet war, ist ihr Lesbischsein vielleicht auch nur eine Übergangsphase."

2. Frauenbeziehungen in islamischen Gesellschaften

Harem und Hamam - zwei traditionelle Orte von Frauenleben in einigen islamischen Gesellschaften, zwei Klischeebilder in westeuropäischen Köpfen.
In geschlechter-seggregierenden Gesellschaften entstehen "Männerräume" und "Frauenräume", in denen die Beziehungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts enger, vertrauter, wichtiger werden (können), als die zwischen Frauen und Männern.
Harem - als Ort, wo viele Frauen eng beieinander leben, abgeschlossen von der Außenwelt, abgeschlossen vom Kontakt mit Männern, außer dem einen, der Verfügungsgewalt über sie besitzt. Phantasien dazu: Zwang, Intrigen, Ausgeliefertsein, aber auch: Luxus, Körperlichkeit, Nähe.
Hamam - das Badehaus, als Ort, an dem sich Frauen treffen, an den für sie reservierten Tagen. Phantasien dazu: Sinnlichkeit, Unbefangenheit im Umgang mit dem eigenen Körper, im Betrachten anderer weiblicher Körper, Nähe.
Klischeebilder, mit einem Kern von Realität: in der Begegnung und Beratung mit Flüchtlingsfrauen erleben die deutschen Beraterinnen z.B. Umarmungen bei der Begrüßung und beim Abschied und andere unbefangene Berührungen.
Viele Flüchtlingsfrauen zeigen einen vertrauten Umgang mit weiblichen Körpern, der in diesem Kontext so wohl nur möglich ist, wenn eine sexuelle Dimension - zumindest offiziell und explizit - ausgeklammert bleibt.

Umma und Familie - Umma, die Gemeinschaft aller Gläubigen, ist im Islam verbunden mit der Vorstellung von Harmonie und Solidarität. Umma gehört in den öffentlichen Raum und der gehört traditionell den Männern.
Familie gehört in den häuslichen, gegenüber der Öffentlichkeit abgeschlossenen Bereich, sie ist der Platz der Frauen und zugleich ist sie - geprägt durch ein auf Ungleichheit basierendes Geschlechterverhältnis - der Ort von Ungleichheit, Spaltung, Misstrauen, Macht und Unterordnung.
Diese Polarität steht im Gegensatz zu der "westlichen" Vorstellung, nach dem die Außenwelt Durchsetzungsvermögen, Ellenbogen, Stärke erfordert und die Familie dazu dient, diese Stärke zu vermitteln durch Liebe, Harmonie, Verständnis, Vertrauen - Werte, die eher mit Weiblichkeit assoziiert sind.

Sexualität - Fatima Mernissi, marokkanische Soziologin, schreibt dazu3: "Im christlichen Abendland ist es die Sexualität selbst, die bekämpft, zu etwas Animalischem erniedrigt und als antizivilisatorisch verurteilt wurde. ... Der Islam hat einen ganz anderen weg eingeschlagen. Er bekämpft nicht die Sexualität, sondern die Frau. Sie wird sowohl als Verkörperung, wie auch als Symbol der Unordnung attackiert. Sie ist fitna, die Inkarnation des Unbeherrschbaren, der lebende Beweis für die Gefahren der Sexualität und ihrer unermesslichen Zerstörungskraft. ... Die Sexualität als solche stellt keine Gefahr dar. Im Gegenteil, sie hat drei positive und lebensnotwendige Funktionen: Sie ermöglicht es dem Gläubigen, sich auf Erden fortzupflanzen... Gleichzeitig ist sei ein Vorgeschmack der dem Menschen "im Paradies verheißenen Wonnen", dadurch ermutigt sie ihn, sich anzustrengen, um ins Paradies zu kommen und die Gesetze Allahs auf Erden zu befolgen. Die dritte Funktion besteht in der sexuelle Befriedigung, die für die intellektuelle Leistung notwendig ist."

Ehre und Scham - Ehre und der komplementäre Begriff Scham hat innerhalb der orientalischen Gesellschaften eine spezielle Bedeutung: In diesen gemeinschaftsorientierten Gesellschaften ist die Ehre von Frauen und Männern aufeinanderbezogen und voneinander abhängig. Weibliche Ehre wird definiert über ihre Keuschheit und Treue, die männliche über seine Stärke seine weiblichen Familienmitglieder "rein" zu halten, ihre körperliche Unversehrtheit zuschützen. Kommt es zu Ehrverlust und Beschmutzung der Familienehre - und dabei ist die Verletzung der sexuellen Integrität das Schlimmste und sei sie auch durch eine erzwungene Verletzung durch Dritte - ist Scham und Schande die Folge. Die Herstellung der Ehre geschieht in der Regel über Anwendung von physischer oder psychischer Gewalt: die Person, meist die Frau, wird getötet oder begeht Selbstmord oder sie wird ausgestoßen. Selbst wenn es nicht zu einer expliziten Handlung und Verurteilung kommt, fühlt sich die Frau entehrt, beschmutzt, ausgestoßen und verletzt durch die internalisierten Werte.4

Homosexualität - Die Website der muslimischen Jugend Deutschland (MJD) schreibt dazu lediglich unter "Was ist die islamische Meinung zu folgenden Fragen": "Der Islam lehnt das Ausleben von homosexuellen Neigungen kategorisch ab und betrachtet sie als Sünde (Koran 7:80ff; 26:165ff). Unabhängig davon sollen muslimische Ärzte Aids-Kranken aber dieselbe Fürsorge wie anderen Patienten entgegenbringen, auch wenn diese sich durch homosexuelle Kontakte infiziert haben"
(http://www.mj-net.de/WissenBiblio/Bibliothek/25Fragen/25fragen2.html#14frage)

3. Zur Situation von lesbischen Flüchtlingsfrauen

Aus den oben ausgeführten Aspekten lässt sich einerseits schlussfolgern, dass Frauen in den meisten Herkunftsländern von Flüchtlingen wesentlich stärker auf ihre traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter verwiesen werden und dass für alternative Lebens- und Beziehungsformen kaum Räume existieren. Die Entscheidung für ein Leben in einer offen lesbischen Beziehung hat meist den Bruch mit der Herkunftsfamilie und dem gesamten sozialen Kontext zur Folge. Für viele Frauen gibt es in den Herkunftsgesellschaften keine andere akzeptable Existenzmöglichkeit. Ihnen bietet das Leben im Asyl Chancen, wenn auch durch die restriktiven Asylbedingungen stark begrenzte und meist um den Preis der Ausgrenzung von ihrer Herkunftsgesellschaft und Familie. So sind "islamisch-sozialisierte Lesben und Schwule in ihren heterosexuellen Herkunftscommunities weitgehend unsichtbar. Häufig wird ihre Existenz negiert und die Vielfältigkeit von Lebensformen nicht wahrgenommen.... Die Familie stellt für die meisten Immigranten/innen der zweiten und der folgenden Generation einen Ort dar, wo sie Zugang zu ihrer Herkunftskultur, Verwandtschaft und ein Stück Heimat finden, und wo sie einen Teil ihrer Identität ausleben können. Umso mehr Angst ist mit dem Verlust der Familie verbunden. Ein möglicher Bruch mit der Familie kann bei lesbischen und schwulen Immigranten/innen zu einem Bruch mit der Herkunftskultur werden, da der Zugang zur Herkunftskultur oftmals über die Eltern geführt wird."5

Andererseits bieten Gesellschaften, die auf Geschlechtertrennung basieren, mehr Möglichkeiten intensiver und emotional wichtiger Frauenbeziehungen, solange diese nicht als sexuelle Beziehungen explizit benannt werden. In der westlichen Gesellschaft hat die klare Benennung von Tatsachen und Beziehungen einen hohen Wert. Es ist aber die Frage, ob die oben beschrieben Situation von den betroffenen Frauen ebenso als Zwang zum Verstecken und zur Heimlichkeit erlebt wird, wie sie westlich sozialisierten Frauen vorkommen mag. In vielen Herkunftsgesellschaften von Flüchtlingsfrauen lebt man gut mit Formen "indirekter Rede". Oder, wie der Dichter Sadi, der im 13.Jahrhundert im Iran lebte, sagte: "Besser eine Lüge, die dich beglückt, als eine Wahrheit, die dich niederdrückt."6

Aber nicht nur traditionelle Regeln stehen einem offensiven Auftreten und gesellschaftspolitischen Forderungen von Lesben und Schwulen entgegen. In einigen afrikanischen Ländern z.B. werden solche Forderungen als "wohlhabend - westlich - weiß" kritisiert. Der homosexuellen-feindliche gesellschaftliche Konsens lässt unverblümte Diskriminierung bis hin zu Ausgrenzung und Gewalttätigkeit eher zu, als dies heute in westlichen Gesellschaften der Fall ist. Der Preis, den Lesben und Schwule zahlen, wenn sie sich outen, ist demnach in den meisten Herkunftsgesellschaften weitaus höher, als hier und - solange wie ihnen keine alternativen Lebensformen offen stehen - auch weitaus höher als die Chancen, die sie dadurch gewinnen können.

Wenn Lesbischsein bedeutet, auf Frauen bezogen zu leben, so bieten viele Herkunftsgesellschaften traditionell akzeptierten Raum dafür, solange nicht der familiäre Rahmen gesprengt wird. Wird Lesbischsein jedoch verstanden als offene und öffentlich gemachte Frauenbeziehung, als Negation oder Alternative zu Ehe und Familie, geht dies meist - wenn auch nicht immer, wie das abschließende Interview einer türkischen Mutter einer lesbischen Tochter zeigt - einher mit einem Bruch mit der Herkunftsgesellschaft und -familie.

Erst ansatzweise sind in Flüchtlings- und Migrantenkreisen Ansätze schwul-lesbischen Lebens entwickelt. Nur in großen Städten gibt es mittlerweile einige Beratungs- und Begegnungsmöglichkeiten. AsylbewerberInnen sind jedoch in ihrer Bewegungsfreiheit auf ihren Regierungsbezirk eingeschränkt. Der Zugang zu deutschen Schwulen- und Lesbenkreisen scheint für die Männer eher möglich: in ihrer eigenen Kultur genießen sie größere Freiräume, in deutschen Kreisen möglicherweise den Bonus ihrer interessanten fremden Herkunft. "Offen lesbisch lebende islamisch-sozialisierte Immigrantinnen werden oft als besonders in die Kultur der Dominanzgesellschaft assimilierte Frauen, also mit der Mehrheitskultur verschmolzene als "fast Deutsche" bzw. als die "Ausnahmetürkin" oder als "Ausnahmeiranerin" betrachtet, da sie nicht dem von der Dominanzgesellschaft konstruierten Bild der "türkischen" oder "arabischen" Frau entsprechen. D. h. sie werden in ihrer Person, ihrer gesellschaftlichen und politischen Realität als "Ausländerinnen" in Deutschland und mit ihrer Sozialisation in mehreren Kulturen nicht wahrgenommen. Andererseits werden diese Frauen, wenn sie sich nicht den lesbischen Normen und den Erwartungen in der Lesbensubkultur entsprechend verhalten, als Fremde bzw. als der Subkultur als nichtzugehörig angesehen. So kann es passieren, dass Frauen, die nicht dem lesbischen Klischéebild entsprechen, gar nicht als Lesben wahrgenommen werden, sondern eher als Bisexuelle oder als Voyeuristinnen in der Lesbenszene."7

"Ich bin stolz auf meine lesbische Tochter!
Ein Interview mit einer türkischen Mutter"8 - zwei Ausschnitte:

"Frau Kaan, reist Ihre Tochter auch in die Türkei, nimmt sie dann ihre Freundin mit?
Ja, sie geht nach Türkei, ich glaube, bisher zweimal hat sie mit Freundinnen, also mit Liebhaberfreundinnen hingegangen. Ganz normal ist passiert, weil dort in Türkei Hand zu Hand laufen, etwas flirten und - ist nicht Schande in der Türkei. Darum ist nichts passiert. Nur meine Eltern weiß Bescheid, also Beziehung von diese zwei Mädchen ist anders gemeint."

"Viele deutsche Lesben und Schwule denken, dass Menschen aus der Türkei ja besonders homosexuellenfeindlich sind, aber Sie scheinen ja sehr tolerant zu sein.
Was, Sie verstehen mich falsch, ich habe gar keine Toleranz an Homosexualität. Also, warum soll ich tolerant haben, wofür die Toleranz. Toleranz ist, wenn jemand eine Fehler macht und muss großzügig und Verständnis haben. Also Homosexualität ist keine Sache für Toleranz zu haben, sondern Homosexualität ist ganz normale Sachen, die Menschen muss
selbst entscheiden."


1 Nach Kaser, Karl: Jede Menge Familie. Der patriarchale Haushalt im Modernisierungsprozess in: Eberhardt, E., Kaser, K.: Albanien. Stammesleben zwischen Tradition und Moderne; Wien, Köln, Weimar 1995.
2 Lt Kaser anzutreffen v.a. nord-westlich einer gedachten Linie Triest - St.Petersburg mit einer breiten Übergangszone
3 In: Geschlecht, Ideologie, Islam. München 1987, S.29f
4 Der Absatz "Ehre und Scham" stammt von Cinur Ghaderi, Dipl.Psychologin im PSZ Düsseldorf
5 Aus: Reihe Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation Nr. 19: Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten in Berlin. Herausgegeben von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, 1. Auflage: 8.000, 2001 (wg. Technischer Probleme ohne Angaben zu Autorin und Titel)
6 In: Jürgen Frembgen: Alltagsleben in Pakistan. Berlin 1987
7 Aus: Reihe Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation Nr. 19: Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten in Berlin. Herausgegeben von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, 1. Auflage: 8.000, 2001 (wg. technischer Probleme ohne Angaben zu Autorin und Titel)
8 a.a.O. Das Interview wurde vom Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen durchgeführt
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