Mutmaßungen zur psychosozialen Situation lesbischer Flüchtlingsfrauen Annette Windgasse, PSZ Düsseldorf
Vorbemerkung: In der Flüchtlingsarbeit ist wenig bekannt über die Situation lesbischer Frauen. Deshalb folgen hier Mut - maßungen, zugegebenermaßen klischeehafte, unüberprüfte, verbunden mit dem "Mut", das Risiko unzutreffender Schlussfolgerungen einzugehen. Im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge finden Flüchtlinge psychotherapeutische Unterstützung bei der Verarbeitung ihrer traumatischen Verfolgungs- Kriegs- und Fluchterfahrungen und bei der Bewältigung ihre Lebenssituation als Asylsuchende. Die KlientInnen kommen u.a. aus der Türkei (überwiegend KurdInnen), aus Bosnien, Iran Afghanistan, Jugoslawien und Kosovo, aus verschiedenen afrikanischen Ländern, aus Sri Lanka. Frauen bilden etwas mehr als die Hälfte der Klientel. Lesbische Frauen sind nur äußerst selten dabei. Ich begann meine Beschäftigung mit dem Thema mit einer kleinen Umfrage bei Kolleginnen und Bekannten: "Wie denkt man bei Euch über lesbische Beziehungen? Ist das verboten oder erlaubt?..." und zitiere die Antwort einer eritreischen Bekannten: "Nee - das gibt's bei uns nicht. Bei Männern ja, das kommt von den Arabern, im Sudan gibt's das auch und früher bei den Italienern. Das ist aber sehr gefährlich. Wenn die Familie das weiß, muß weg. Aber bei Frauen? Hab ich mal mit meinem Schwager drübergesprochen, der sagt "Was, das gibt's auch bei Frauen? Nein! Was machen die denn." Vielleicht kommt das später auch zu uns. Aber das ist verboten, muß Gefängnis oder Schlimmeres." Die Antwort enthält einige charakteristische Elemente: Ignorieren, Zuschreibung zu Fremdem und Skepsis gegenüber fremden Einflüssen, Tabuisierung, Voyeurismus, das Gefühl von etwas Verbotenem. Zur Information: in Eritrea ist lesbische Liebe nicht verboten.. In jüngster Zeit suchte ein iranisches Frauenpaar das PSZ auf. Eine der beiden war aufgrund ihres Lesbischseins von einem Familienangehörigen denunziert worden, unter der Anschuldigung regimefeindliche Schriften verbreitet zu haben. Sie hat inzwischen Asyl bekommen, wird aber auch in Deutschland verfolgt. Ihr Ehemann und seine Familie bedrohen sie und ihre Freundin mit körperlicher Gewalt und Todesdrohungen. Ihr Anliegen an das PSZ ist die Unterstützung ihrer Freundin, die noch im Asylverfahren steht, bei der Genehmigung zum Wohnortwechsel, da sich die beiden Frauen in ihrer Stadt nicht mehr sicher fühlen können. Charakteristisch an diesem Fall ist die Vermischung staatlicher Verfolgung im Herkunftsland, familiärer Ausgrenzung und Bedrohung, die bis nach Deutschland reicht, und die Abhängigkeit als Asylsuchende von behördlichen Entscheidungen. Für die psychosoziale Situation lesbischer Flüchtlingsfrauen ist deshalb der gesellschaftliche und familiäre Rahmen von gleichgroßer Bedeutung wie die Gesetzeslage und die politische Situation. Dazu wähle zwei Aspekte aus: Familienmuster in unterschiedlichem kulturellen Kontext und Frauenbeziehungen ins islamischen Gesellschaften. 1. Familienmuster Bis Mitte des 20.Jahrhundert lassen sich - stark vereinfacht - zwei unterschiedliche Familienmodelle im ländlichen Raum Europas beschreiben1: Einerseits das - weltweit traditionell eher weniger verbreitete - westeuropäische Heiratsmuster2:
Ich beginne mit dem Bereich, den alle Flüchtlingsfrauen teilen: Asyl - und meine damit die rechtlichen und sozialen Bedingungen im Aufnahmeland und gehe von der Situation in Deutschland aus: die Aufnahmebedingungen sind geradezu darauf angelegt, eine Integration zu verhindern. Grundsätzlich bietet dieses Muster Raum für unterschiedliche Lebensformen, ohne dadurch in Frage gestellt zu werden. Andererseits das traditionelle osteuropäische Heiratsmuster, dem weltweit mehr Familienmuster ähnlich sind :
Es wird nachvollziehbar, wie wenig Raum eine entsprechend strukturierte Gesellschaft für abweichende Lebensformen bietet. Aus dem Familienverband auszuziehen, bedeutet bereits eine Abweichung, während sie im westeuropäischen Muster vorgesehen ist. Wer keine Familie mehr hat - z.B. weil die Angehörigen im Krieg ermordet wurden - , hat keinen vorgesehenen Platz in der Gesellschaft. Auf gesellschaftlicher Ebene bedeutet die Zerstörung familiärer Strukturen durch Krieg, Flucht und Vertreibung die Aufgabe einer weitgehenden Neuorganisierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens und - da neue Formen und Verbindlichkeiten erst zu entwickeln sind - einen Zustand der Desorganisation und Anomie.
2. Frauenbeziehungen in islamischen Gesellschaften Harem und Hamam - zwei traditionelle Orte von Frauenleben in einigen islamischen Gesellschaften, zwei Klischeebilder in westeuropäischen Köpfen.
Umma und Familie - Umma, die Gemeinschaft aller Gläubigen, ist im Islam verbunden mit der Vorstellung von Harmonie und Solidarität. Umma gehört in den öffentlichen Raum und der gehört traditionell den Männern.
Sexualität - Fatima Mernissi, marokkanische Soziologin, schreibt dazu3: "Im christlichen Abendland ist es die Sexualität selbst, die bekämpft, zu etwas Animalischem erniedrigt und als antizivilisatorisch verurteilt wurde. ... Der Islam hat einen ganz anderen weg eingeschlagen. Er bekämpft nicht die Sexualität, sondern die Frau. Sie wird sowohl als Verkörperung, wie auch als Symbol der Unordnung attackiert. Sie ist fitna, die Inkarnation des Unbeherrschbaren, der lebende Beweis für die Gefahren der Sexualität und ihrer unermesslichen Zerstörungskraft. ... Die Sexualität als solche stellt keine Gefahr dar. Im Gegenteil, sie hat drei positive und lebensnotwendige Funktionen: Sie ermöglicht es dem Gläubigen, sich auf Erden fortzupflanzen... Gleichzeitig ist sei ein Vorgeschmack der dem Menschen "im Paradies verheißenen Wonnen", dadurch ermutigt sie ihn, sich anzustrengen, um ins Paradies zu kommen und die Gesetze Allahs auf Erden zu befolgen. Die dritte Funktion besteht in der sexuelle Befriedigung, die für die intellektuelle Leistung notwendig ist." Ehre und Scham - Ehre und der komplementäre Begriff Scham hat innerhalb der orientalischen Gesellschaften eine spezielle Bedeutung: In diesen gemeinschaftsorientierten Gesellschaften ist die Ehre von Frauen und Männern aufeinanderbezogen und voneinander abhängig. Weibliche Ehre wird definiert über ihre Keuschheit und Treue, die männliche über seine Stärke seine weiblichen Familienmitglieder "rein" zu halten, ihre körperliche Unversehrtheit zuschützen. Kommt es zu Ehrverlust und Beschmutzung der Familienehre - und dabei ist die Verletzung der sexuellen Integrität das Schlimmste und sei sie auch durch eine erzwungene Verletzung durch Dritte - ist Scham und Schande die Folge. Die Herstellung der Ehre geschieht in der Regel über Anwendung von physischer oder psychischer Gewalt: die Person, meist die Frau, wird getötet oder begeht Selbstmord oder sie wird ausgestoßen. Selbst wenn es nicht zu einer expliziten Handlung und Verurteilung kommt, fühlt sich die Frau entehrt, beschmutzt, ausgestoßen und verletzt durch die internalisierten Werte.4 Homosexualität - Die Website der muslimischen Jugend Deutschland (MJD) schreibt dazu lediglich unter "Was ist die islamische Meinung zu folgenden Fragen": "Der Islam lehnt das Ausleben von homosexuellen Neigungen kategorisch ab und betrachtet sie als Sünde (Koran 7:80ff; 26:165ff). Unabhängig davon sollen muslimische Ärzte Aids-Kranken aber dieselbe Fürsorge wie anderen Patienten entgegenbringen, auch wenn diese sich durch homosexuelle Kontakte infiziert haben"
3. Zur Situation von lesbischen Flüchtlingsfrauen Aus den oben ausgeführten Aspekten lässt sich einerseits schlussfolgern, dass Frauen in den meisten Herkunftsländern von Flüchtlingen wesentlich stärker auf ihre traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter verwiesen werden und dass für alternative Lebens- und Beziehungsformen kaum Räume existieren. Die Entscheidung für ein Leben in einer offen lesbischen Beziehung hat meist den Bruch mit der Herkunftsfamilie und dem gesamten sozialen Kontext zur Folge. Für viele Frauen gibt es in den Herkunftsgesellschaften keine andere akzeptable Existenzmöglichkeit. Ihnen bietet das Leben im Asyl Chancen, wenn auch durch die restriktiven Asylbedingungen stark begrenzte und meist um den Preis der Ausgrenzung von ihrer Herkunftsgesellschaft und Familie. So sind "islamisch-sozialisierte Lesben und Schwule in ihren heterosexuellen Herkunftscommunities weitgehend unsichtbar. Häufig wird ihre Existenz negiert und die Vielfältigkeit von Lebensformen nicht wahrgenommen.... Die Familie stellt für die meisten Immigranten/innen der zweiten und der folgenden Generation einen Ort dar, wo sie Zugang zu ihrer Herkunftskultur, Verwandtschaft und ein Stück Heimat finden, und wo sie einen Teil ihrer Identität ausleben können. Umso mehr Angst ist mit dem Verlust der Familie verbunden. Ein möglicher Bruch mit der Familie kann bei lesbischen und schwulen Immigranten/innen zu einem Bruch mit der Herkunftskultur werden, da der Zugang zur Herkunftskultur oftmals über die Eltern geführt wird."5 Andererseits bieten Gesellschaften, die auf Geschlechtertrennung basieren, mehr Möglichkeiten intensiver und emotional wichtiger Frauenbeziehungen, solange diese nicht als sexuelle Beziehungen explizit benannt werden. In der westlichen Gesellschaft hat die klare Benennung von Tatsachen und Beziehungen einen hohen Wert. Es ist aber die Frage, ob die oben beschrieben Situation von den betroffenen Frauen ebenso als Zwang zum Verstecken und zur Heimlichkeit erlebt wird, wie sie westlich sozialisierten Frauen vorkommen mag. In vielen Herkunftsgesellschaften von Flüchtlingsfrauen lebt man gut mit Formen "indirekter Rede". Oder, wie der Dichter Sadi, der im 13.Jahrhundert im Iran lebte, sagte: "Besser eine Lüge, die dich beglückt, als eine Wahrheit, die dich niederdrückt."6 Aber nicht nur traditionelle Regeln stehen einem offensiven Auftreten und gesellschaftspolitischen Forderungen von Lesben und Schwulen entgegen. In einigen afrikanischen Ländern z.B. werden solche Forderungen als "wohlhabend - westlich - weiß" kritisiert. Der homosexuellen-feindliche gesellschaftliche Konsens lässt unverblümte Diskriminierung bis hin zu Ausgrenzung und Gewalttätigkeit eher zu, als dies heute in westlichen Gesellschaften der Fall ist. Der Preis, den Lesben und Schwule zahlen, wenn sie sich outen, ist demnach in den meisten Herkunftsgesellschaften weitaus höher, als hier und - solange wie ihnen keine alternativen Lebensformen offen stehen - auch weitaus höher als die Chancen, die sie dadurch gewinnen können. Wenn Lesbischsein bedeutet, auf Frauen bezogen zu leben, so bieten viele Herkunftsgesellschaften traditionell akzeptierten Raum dafür, solange nicht der familiäre Rahmen gesprengt wird. Wird Lesbischsein jedoch verstanden als offene und öffentlich gemachte Frauenbeziehung, als Negation oder Alternative zu Ehe und Familie, geht dies meist - wenn auch nicht immer, wie das abschließende Interview einer türkischen Mutter einer lesbischen Tochter zeigt - einher mit einem Bruch mit der Herkunftsgesellschaft und -familie. Erst ansatzweise sind in Flüchtlings- und Migrantenkreisen Ansätze schwul-lesbischen Lebens entwickelt. Nur in großen Städten gibt es mittlerweile einige Beratungs- und Begegnungsmöglichkeiten. AsylbewerberInnen sind jedoch in ihrer Bewegungsfreiheit auf ihren Regierungsbezirk eingeschränkt. Der Zugang zu deutschen Schwulen- und Lesbenkreisen scheint für die Männer eher möglich: in ihrer eigenen Kultur genießen sie größere Freiräume, in deutschen Kreisen möglicherweise den Bonus ihrer interessanten fremden Herkunft. "Offen lesbisch lebende islamisch-sozialisierte Immigrantinnen werden oft als besonders in die Kultur der Dominanzgesellschaft assimilierte Frauen, also mit der Mehrheitskultur verschmolzene als "fast Deutsche" bzw. als die "Ausnahmetürkin" oder als "Ausnahmeiranerin" betrachtet, da sie nicht dem von der Dominanzgesellschaft konstruierten Bild der "türkischen" oder "arabischen" Frau entsprechen. D. h. sie werden in ihrer Person, ihrer gesellschaftlichen und politischen Realität als "Ausländerinnen" in Deutschland und mit ihrer Sozialisation in mehreren Kulturen nicht wahrgenommen. Andererseits werden diese Frauen, wenn sie sich nicht den lesbischen Normen und den Erwartungen in der Lesbensubkultur entsprechend verhalten, als Fremde bzw. als der Subkultur als nichtzugehörig angesehen. So kann es passieren, dass Frauen, die nicht dem lesbischen Klischéebild entsprechen, gar nicht als Lesben wahrgenommen werden, sondern eher als Bisexuelle oder als Voyeuristinnen in der Lesbenszene."7 "Ich bin stolz auf meine lesbische Tochter! "Frau Kaan, reist Ihre Tochter auch in die Türkei, nimmt sie dann ihre Freundin mit? "Viele deutsche Lesben und Schwule denken, dass Menschen aus der Türkei ja besonders homosexuellenfeindlich sind, aber Sie scheinen ja sehr tolerant zu sein. |
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